Zu Götz Werners missverstandener Auffassung von Goethes Weltanschauung

 

 

von Ingo Hagel

 

 

 

Götz Werner, der „Selfmade-Milliardär“, wird von den Medien als Anthroposoph betrachtet (zum Beispiel hier oder hier). Dass auch die Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland eine hohe Affinität zu Götz Werners Leistungen aufweist, ergibt sich aus deren Erwähnung der Verleihung des Deutschen Gründerpreises an ihn im Mitteilungsorgan „Anthroposophie Weltweit“ (Okt. 2014):

„Götz W. Werner, Gründer und Aufsichtsrat von dm-drogerie markt“ schreibt regelmäßig im „kostenlosen Kundenmagazin alverde“ des dm-Marktes Kolumnen. Die dort mitgeteilten „Gedanken und Erkenntnisse zu gesellschaftlichen Entwicklungen unserer Zeit“ werden auch in Götz Werners Blog „Unternimm die Zukunft“ eingestellt. Werners Kolumne vom September 2014 (hier das PDF) trägt den Titel „Anschauen, Denken, Wissen“. Ins Auge springt aufgrund seiner Schriftgröße noch der einzige Zwischentitel:

„Denken ist interessanter als Wissen, aber nicht als Anschauen.“ 

Werner schreibt, er hätte diese Aussage aus Goethes „Maximen und Reflexionen“ übernommen. Jedoch stellt seine Interpretation eines Anschauens, das angeblich höher stehen soll als das Denken, ein Missverständnis der geistigen Impulse Goethes dar – sowie der auf Goethes Weltanschauung aufbauenden Anthroposophie Rudolf Steiners. Götz Werner schreibt zu obiger Aussage Goethes:

Uns ist es egal, ob er damit seine Naturbetrachtungen reflektierte oder seine Zuneigung zur jungen Ulrike von Levetzow beschrieb; für uns ist seine Feststellung einer der Kernsätze seines Beitrages für dm.

Abgesehen davon, dass Goethe natürlich niemals einen „Beitrag für dm“ geschrieben hat, sondern dass diese Firma dessen Aussagen für ihre Reklamezwecke benutzt, ist „der Gelehrte“ – wie ihn Götz Werner nennt –

Anmerkung: Bei Goethe war der „Gelehrte“ (Sammler vorhandenen Wissens) nicht das Hervorstechende seines Wesens sondern die schöpferische Kraft seines Genies, durch die er noch nie Dagewesenes (Neues) in die Welt brachte und diese belehrte. Goethe war daher immer ein seine Epoche „Belehrender“!

mit Sicherheit nicht „der größte Sohn der Bankenmetropole“. Es gehört schon eine große Portion fehlender Sinn für Tiefgang dazu, mit Blick auf Goethes geistige Abstammung Frankfurt ausgerechnet als „Bankenmetropole“ zu assoziieren. Während Goethe einen gesundenden Kulturfaktor ersten Ranges darstellt, waren es die Banken – nicht nur der Frankfurter Metropole – die nicht erst seit der Finanzkrise die Gesellschaften Europas und der Welt in größte Schwierigkeiten gebracht haben.

Götz Werner missversteht nicht nur Goethes wissenschaftlichen Impuls sondern er zerrt – mit dem Vermerk zu Goethes Liebe zu Ulrike von Levetzow – auch dessen Verhältnis zu Frauen auf ein Niveau äußerster Frivolität herunter: Goethes Liebe soll nichts mit dem Wesen des anderen Menschen zu tun gehabt haben, sondern auf dem Anschauen (körperlicher Reize?) begründet gewesen sein. Er unterstellt Goethe, dieser habe nicht nur auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Durchdringung der Welt, sondern auch auf dem Gebiet einer Beziehung von Mann und Frau das Anschauen höher als das denkende Erfassen und Wertschätzen der Persönlichkeit des weiblichen Gegenübers sowie der spezifischen Situation, in der er sich mit diesem Menschen befand, geachtet. Dass jedoch allein das – über dem Anschauen stehende – Denken in der Lage ist, das auf diesem Gebiete des Lebens (aus dem bloßen Anschauen) sich vollziehende Handeln (Trieb) zu steuern und zu beherrschen, ist Götz Werner (und dm) völlig „egal“. Brutal phantasiert er Goethe und dessen angeblichem Verhältnis zum weiblichen Geschlecht im dm-Magazin Dinge an, die zwar gängige Auffassungen repräsentieren – wie ich in Gesprächen immer wieder erlebe – über die man aber hinauskommen muss, wenn man zu einem wirklichen Verständnis Goethes kommen will.

Anmerkung: Um einen völlig anderen Eindruck von Goethe zu erhalten, lese man nur einmal die Würdigung Rudolf Steiners zu Karl Julius Schröers Buch „Goethe und die Liebe“ (oder sogar dieses Buch selber):

Es ist nichts leichter, als Goethes Verhältnisse zu den Frauen in ein falsches Licht zu rücken. Es muss ja auch besonders die Frauenwelt beunruhigen, wenn man hört, Goethe habe in seinem Leben zehnmal leidenschaftlich geliebt. Erwägt man aber den Kern aller dieser Liebesverhältnisse, so kommt man alsbald von jeder Anklage zurück. Von einer frivolen, die Frau erniedrigenden Auffassung der Liebe kann bei Goethe durchaus nicht die Rede sein. ….

Mit diesem hemdsärmeligen Verhältnis zur Erkenntnis, wie es Götz Werner hier offenbart, kann man (vielleicht) eine Firma gründen, nicht jedoch fruchtbar für die Goethesche Weltanschauung eintreten – auch wenn man glaubt, man habe sie in der Unternehmensgestaltung von dm „erfolgreich eingesetzt“ und man sogar darüber hinausgehende Pläne hat:

Das Goethe’sche Prinzip kann aber nicht nur in der Unternehmensgestaltung erfolgreich eingesetzt werden, sondern auch bei der Gestaltung unserer Gesellschaft.

Götz Werner möchte – gemäß seiner Kolumne –

mit den Augen und mit dem Herzen vorurteilsfrei die Welt anschauen

und so an die „Gestaltung unserer Gesellschaft“ herangehen. Aber was soll daraus werden, da er doch von der gewöhnlichen Sinnesanschauung (zum Beispiel der Reize des anderen Geschlechtes und der dm-Märkte) ausgeht?

Anmerkung: Werner schreibt:

Und Sie können mir glauben, keiner unserer Märkte in Europa und auch keiner in Deutschland ist gleich.

Ich will nicht sarkastisch werden und fragen: Wie habt Ihr das nur hinbekommen? Aber abgesehen von einer mangelnden Logik, mit der Werner Deutschland offenbar nicht zu Europa zählt – sonst müsste er nach der behaupteten Einzigartigkeit der dm-Märkte in Europa nicht auch noch die der Märkte in Deutschland betonen – stellt sich doch die Frage nach dem argumentativen Wert dieser Eigenschaft für die Goethesche Weltanschauung. Ist Ungleichheit von Supermärkten ein anzustrebendes Merkmal in der Realisierung von Goethes Impulsen? Oder läge dieses Ziel eher zum Beispiel in deren besonderer Ästhetik – die Götz Werner allerdings nicht erwähnt.  – Auch werden die dm-Kunden kaum in Europa herumreisend ihre Einkäufe machen, um die Vorzüge der so unterschiedlichen Märkte genießen zu können. Dieser Vorzug ist also ein Abstraktum, das vom Kunden kaum erlebt werden wird, und schon von daher kein Merkmal einer Goetheschen Weltanschauung darstellt.

Goethe liebte zwar das Erlebbare, allerdings ging dieses bei ihm weit über das Wahrnehmbare der Sinne hinaus, denn es bezeichnete bei Goethe (nach Rudolf Steiner)

 die produktive Kraft, im Tatsächlichen mehr zu sehen als die bloßen Tatsachen.

Nicht nur auf das, was die Erfahrungswelt für die Sinne dem Menschen bietet kommt es Goethe an, sondern auf das Göttliche der Idee. Sie ist es, die erfahren, erlebt und – angeschaut werden soll:

Rudolf Steiner (GA 30, Hervorhebungen IH): Nicht auf das fertig gewordene Einzelne, sondern auf das Naturgesetz, nicht auf das (mit den Sinnen wahrnehmbare; Anmerkung IH) Individuum, sondern auf die (mit dem Geiste erfassbare; Anmerkung IH) Idee, den Typus, der uns jenes erst begreiflich macht, kommt es an. Bei Goethe kommt diese Tatsache in der denkbar vollkommensten Form zum Ausdrucke. Was wir aber gerade an seinem Verhalten der Natur gegenüber lernen können, das ist die unumstößliche Wahrheit, dass für den modernen Geist die unmittelbare Natur keine Befriedigung bietet, weil wir nicht schon in ihr, wie sie als Erfahrungswelt ausgebreitet vor unseren Sinnen liegt, sondern erst dann das Höchste, die Idee, das Göttliche erkennen, wenn wir über sie (Werners Anschauung; Anmerkung IH) hinausgehen. 

 

Hier weiterlesen: 

Teil 1: Zu Götz Werners missverstandener Auffassung von Goethes Weltanschauung

Teil 2: Götz Werners kritische Stellung zur Naturwissenschaft hat in dieser Weise nichts mit Goethe zu tun

Teil 3: Die Anschauungsart Goethes und der Anthroposophie bejaht im vollen Sinne den Gesichtspunkt der naturwissenschaftlichen Forschung

Teil 4: Götz Werner übersieht die Grundbegriffe einer modernen Erkenntnis- und Wissenschafts-Praxis

Teil 5: Ohne den Willen zum Denken ist aus dieser Sackgasse der anschauenden Sinneswahrnehmung nicht herauszukommen

Teil 6: Selbst Schiller konnte Goethes Anschauung eines Ideellen nicht verstehen

Teil 7: Zur Bedeutung einer Beobachtung des Denkens für eine wirklichkeitsgemäße Erfassung der Welt

Teil 8: Viele meinen, Goethes Weltanschauung sei etwas total Überflüssiges 

Teil 9: Götz Werners verpasste eine große Chance, die Soziale Dreigliederung ins Bewusstsein der Menschen zu bringen

 

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Zu Götz Werners missverstandener Auffassung von Goethes Weltanschauung wurde am 18.11.2014 unter Anthroposophie veröffentlicht.

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