Rudolf Steiner zu dem damals berühmten Philosophen Eduard von Hartmann, der aus seinem philosophischen Pessimismus heraus den allgemeinen Weltselbstmordtag forderte

 

Aus Nr. 353 der Rudolf Steiner Gesamtausgabe, S. 240:

Die Sache hat dann Konsequenzen gehabt. Im Jahre 1869 ist dann auch von einem, der von Kant angeregt war, erschienen «Die Philosophie des Unbewussten», wiederum ein Buch, das riesiges Aufsehen gemacht hat. Und Eduard von Hartmann war schon ein sehr gescheiter Mensch! Hätte Eduard von Hartmann vor Kant gelebt, hätte nicht Kant auf ihn einen solchen Einfluss gehabt, so wäre wahrscheinlich viel mehr herausgekommen bei ihm. Aber er konnte nicht über dieses starke Vorurteil, das man von Kant hat, eigentlich hinaus. So war es, geradeso wie Schopenhauer vorher, auch dem Eduard von Hartmann klar, dass man von der ganzen Welt nichts weiß als seine eigenen Vorstellungen, das, was man selber da hinausstellt. Aber außerdem hatte er die Schopenhauersche Lehre angenommen, dass man das Ding an sich mit dem Willen ausrüsten müsse. Nun ist der Wille überall drinnen. Ich habe einmal einen Artikel über Eduard von Hartmann geschrieben, und da erwähnte ich auch den Schopenhauer. Nun hat der Schopenhauer gesagt : Vom Ding an sich weiß man nichts; davon hat man nur Vorstellungen. Gescheit sind nur die Vorstellungen; der Wille ist dumm. So dass eigentlich alles, was man von sich weiß, nichts anderes als der dumme Wille ist. 

Ich habe dazumal in dem Artikel, in dem ich Schopenhauer erwähnt habe, gesagt: Nach Schopenhauer ist eigentlich alles, was in der Welt gescheit ist, Menschenwerk; denn der Mensch schafft ja alles in die Welt hinein; und was dahinter ist, ist der dumme Wille. Also die Dummheit der Gottheit ist die Welt. – Das haben sie aber damals konfisziert! In Österreich sollte es erscheinen. 

Die Sache ist so: Eduard von Hartmann hat angenommen: Das Ding an sich, das muss man mit dem Willen ausrüsten; aber der Wille ist eigentlich dumm, und deshalb ist es in der Welt so schlecht. – Und deshalb ist Eduard von Hartmann, wie man sagt, Pessimist geworden. Deshalb hat er die Anschauung gehabt, dass die Welt nichts taugt, nicht gut ist, sondern schlecht ist im Grunde, ganz schlecht. Und nicht etwa bloß das, was die Menschen tun, auch alles, was in der Welt ist, ist schlecht. Er sagte: Das kann man ausrechnen, dass die Welt schlecht ist. Man solle nur auf die eine Seite stellen, auf die Sollseite, alles dasjenige, was man im Leben hat an Glück und Lust und so weiter, und auf die andere Seite alles das, was man an Leiden und so weiter hat: Es kommt immer auf der anderen Seite mehr heraus. Die Bilanz ist immer eine negative. Also die ganze Welt ist schlecht. – Deshalb ist Hartmann Pessimist geworden. 

Aber sehen Sie, Eduard von Hartmann war erstens im Grunde genommen ein gescheiter Mensch und zweitens einer, der dann auch die Konsequenzen gezogen hat. Er hat gesagt: Warum leben denn die Menschen eigentlich noch? Warum ziehen sie denn nicht vor, sich umzubringen? Wenn alles schlecht ist, wäre es ja viel gescheiter, wenn eines Tages festgelegt würde der allgemeine Menschheitsselbstmord; dann wäre doch das alles, was da geschaffen wird, weg. – Aber Eduard von Hartmann sagte wiederum: Nein, das kriegt man nicht zustande, dass man einen solchen allgemeinen Weltselbstmordtag festsetzt. Und selbst wenn wir das festsetzten – die Menschen sind aus den Tieren entstanden; die Tiere würden sich doch nicht selbst umbringen; dann würden wiederum aus den Tieren Menschen entstehen! Also auf die Weise kriegen wir es nicht fertig. – Deshalb hat er sich etwas anderes ausgedacht. Er sagte sich: Wenn man schon wirklich alles ausrotten will, was irdische Welt ist, dann kann man es nicht durch Selbstmord des Menschen machen, sondern man muss die ganze Erde gründlich ausrotten. Dazu haben wir heute noch nicht die nötigen Maschinen; aber die Menschen haben schon manche Maschine erfunden; deshalb muss alle Weisheit darauf verwendet werden, eine Maschine zu erfinden, mit der man in die Erde hineinbohren kann, so dass man tief genug kommt, und die dann durch eine besondere Dynamit- oder ähnliche Einrichtung die ganze Erde sprengt, dass die Trümmer in die Welt hinausfliegen und zu Staub werden. Dann ist das richtige Endziel erreicht. 

Ja, das ist nicht ein Scherz, meine Herren! Das ist wirklich die Lehre von Eduard von Hartmann, man solle eine Maschine erfinden, dass man die ganze Erde, man kann sagen, in die Luft sprengen kann und die Erde zerstäubt und zersplittert. 

Zwischenruf: In Amerika wollen sie Kanonen bauen, dass man den Mond dann herunterschießen könne! 

Dr. Steiner: Aber das, was ich Ihnen gesagt habe, ist eine wirkliche philosophische Lehre gewesen im 19. Jahrhundert! 

Nun werden Sie sagen: Es hat einen so gescheiten Menschen gegeben – wie kann das nur sein? Er muss doch dumm gewesen sein, der das behauptet hat! – Nein, wahrhaftig, der Eduard von Hartmann war nicht dumm, sondern er war gescheiter als alle anderen. Das kann ich Ihnen auch gleich beweisen. Aber gerade, dass er gescheiter war als die Lehre, die durch Kant angeregt ist, daraus ist diese Dummheit entstanden von der Maschine, mit der man die Welt ins Nichts hinausschleudern soll. Das hat ein ganz gescheiter, nur von Kant gründlich verdorbener Mensch behauptet. 

Nun hat er also diese «Philosophie des Unbewussten» geschrieben. In dieser «Philosophie des Unbewussten» hat er gesagt: Ja, das ist schon richtig, dass die Menschen sich aus dem Tiere entwickelt haben; aber da haben geistige Kräfte mitgespielt. Nun sind diese Kräfte Willenskräfte, also keine gescheiten, sondern dumme Kräfte. Und das hat er nun sehr gescheit dargestellt, und damit hat er etwas dargestellt, was dem Darwinismus widersprochen hat. 

Jetzt gab es also dazumal – denken Sie sich, das war in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts! – diese gescheite Hartmannsche «Philosophie des Unbewussten» und den Darwinismus, den der Haeckel, Oscar Schmidt und andere vertreten haben, der aber für die anderen Menschen das Allergescheiteste war; dem hat aber die «Philosophie des Unbewussten» widersprochen. Jetzt traten alle diejenigen, die wiederum starrköpfige Darwinisten waren, auf und sagten: Diesen Eduard von Hartmann, den muss man gründlich widerlegen; der weiß ja gar nichts von der Naturwissenschaft! – Was tat aber Hartmann? Was er damals getan hat, geht aus folgendem hervor. Nachdem die anderen sich die Mäuler ausgeschrieen hatten – das heißt, auf Druckpapier -, da erschien auch ein Buch: «Das Unbewusste vom Standpunkt des Darwinismus». Eine gründliche Widerlegung Eduard von Hartmanns vom Standpunkte des Darwinismus! – Aber man wusste nicht, von wem es war. 

Nun, meine Herren, jetzt waren die Naturwissenschafter alle froh, denn da stand dasjenige darinnen, was gründlich widerlegte den Eduard von Hartmann. Sogar der Haeckel sagte: Solch ein Mensch, der das gegen den Hartmann geschrieben hat, nenne sich uns doch, und wir betrachten ihn als einen der unsrigen, als einen Naturforscher ersten Ranges! – Und richtig, das Buch wurde nachher sehr, sehr schnell verkauft und eine zweite Auflage erschien: da nannte sich der Verfasser – es war Eduard von Hartmann selber! Er hatte es gegen sich selber geschrieben. Aber jetzt hörten sie auf, ihn zu loben; die Sache wurde nicht sehr bekannt! Also er hat dadurch bewiesen, dass er gescheiter war als die anderen alle! Aber sehen Sie, über diese Geschichten, da schweigen die Nachrichten, die man den Leuten gibt. Aber solch ein Stückchen in der Geistesgeschichte muss man erzählen; dann kommt man darauf: Eduard von Hartmann war ein Mensch, der von Kant verdorben ist, aber grundgescheit ist. 

 

 

 

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Rudolf Steiner zu dem damals berühmten Philosophen Eduard von Hartmann, der aus seinem philosophischen Pessimismus heraus den allgemeinen Weltselbstmordtag forderte wurde am 11.03.2019 unter Hide veröffentlicht.

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