Rudolf Steiner zum Opportunismus des Wirtschaftslebens

 

 

An verschiedenen Stellen wies Rudolf Steiner darauf hin, dass das Wirtschaftsleben seine Geschäfte opportunistisch betreibt – und betreiben muss. Denn das liegt in der Natur der Sache (Hervorhebungen IH).

Aus Nr. 24, Seite 352 der Rudolf Steiner Gesamtausgabe:

Alle wirtschaftlichen Angelegenheiten werden geordnet in einem besonderen Wirtschaftsparlamente. Wenn dieses entlastet ist von allem Politischen und Militärischen, so wird es seine Angelegenheiten rein so entfalten, wie es diesen einzig und allein angemessen ist, nämlich opportunistisch. Die Verwaltungsbeamtenschaft dieser wirtschaftlichen Angelegenheiten, innerhalb deren Gebiet auch die gesamte Zollgesetzgebung liegt, ist unmittelbar nur dem Wirtschaftsparlamente verantwortlich.

Aus Nr. 24, Seite 371 der Rudolf Steiner Gesamtausgabe:

Die wirtschaftlichen Verhältnisse fordern zu ihrem Gedeihen den Opportunismus, der ihre Ordnung nur nach ihrem eigenen Wesen zustande bringt. Es muss zu Konflikten führen, wenn die wirtschaftlichen Maßnahmen in einem anderen Zusammenhang mit politischen und allgemein-menschlichen Anforderungen stehen, als bloß in einem solchen, der sich bei ihnen zukommenden eigenen Gesetzgebungen und Verwaltungen durch den selbstverständlichen Lebenszusammenhang ergibt. Gemeint sind hier nicht etwa bloß innerstaatliche Konflikte, sondern vorwiegend solche, welche nach außen hin in politischen Schwierigkeiten und in kriegerischen Explosionen sich entladen.

 

 

Aus Nr. 24, Seite 379 der Rudolf Steiner Gesamtausgabe:

Wer das hier Angedeutete in wirklich praktischem Sinne denkt, das heißt im Einklang mit den tatsächlichen Verhältnissen, der wird finden können, dass damit eine Grundlage geschaffen ist, auf der auch so komplizierte Fragen wie die der österreichischen Sprachenfrage – einschließlich der Staats- und Verkehrssprache – und der deutschen Kolonialfragen ruhen können. Denn mit dem hier Gedachten wird der Fehler vermieden, den man bisher immer gemacht hat, nämlich dass man an eine Lösung solcher Fragen dachte, ehe man die Tatsachen-Grundlagen geschaffen hatte, auf denen sich eine Lösung erst aufbauen lässt. Man ging bisher stets darauf aus, ein erstes Hausstockwerk aufzubauen, ohne an das Erdgeschoß zu denken. Dieses Erdgeschoß aber ist für die mitteleuropäischen Staaten die Anerkennung ihrer naturgemäß notwendigen Struktur in konservativ-historisch-politische Vertretung und Verwaltung, abgetrennt von der Organisation des opportunistisch-wirtschaftlichen und des geistig-kulturellen Elementes. Steht man auf diesem Boden fest, dann erst kann auf dieser Grundlage von Parlamentarismus, Demokratismus und ähnlichem gesprochen werden. Denn diese Dinge werden an sich nicht anders, ob sie der Ausdruck einer in Mitteleuropa für die Dauer unmöglichen Verquickung der politischen, wirtschaftlichen und geistig-kulturellen Elemente sind, oder derjenige der naturgemäßen Gliederung dieser Elemente. – Gerade an der Wirkung, die ein in diesem Sinne gehaltenes offenes Bekenntnis auf die Führer der Entente hervorbringen würde, konnte man bei Eintritt dieser Wirkung sehen, wie man mit diesem Bekenntnis auf dem realen Boden der Tatsachen steht. 

Aus Nr. 24, Seite 381 der Rudolf Steiner Gesamtausgabe:

Mitteleuropa kann, wenn es will, im Sinne dieser drei Grundlagen handeln, und sein Handeln wird ein Tatsachenprogramm sein. Es wird so handeln, wenn es ein sachliches Programm der Menschheitsbefreiung dem Entente-Wilsonschen Blendprogramme entgegenstellt. Ein solches Programm ist nicht radikal in dem Sinne, in dem man in gewissen Kreisen vor jedem Radikalismus erschrickt. Es ist vielmehr nur ein Ausdruck für die Tatsachen, welche sich durch ihre eigene Kraft in Mitteleuropa verwirklichen wollen. Sie sollten mit vollem Bewußtsein verwirklicht werden, nicht verborgen gehalten werden, um im Nebel der Entente-Wilson-Ziele doch ihrer Verwirklichung durch ihre eigene Natur entgegenzustreben und dadurch korrumpiert zu werden. 

Die Verwirklichung wird nie geschehen, wenn das, was Mitteleuropa wollen muss, verdeckt bleibt, durch die unnatürliche Vermischung von politischen, wirtschaftlichen und allgemeinen Menschheitsinteressen. Denn die politischen Verhältnisse fordern, wenn sie gedeihen sollen, den Konservatismus im Sinne der Erhaltung und des Aufbaues der historisch gewordenen Staatsgebilde. Gegen diesen Konservatismus sträuben sich die wirtschaftlichen und die allgemeinen Menschheitsinteressen nur so lange, als sie von ihm zu leiden haben. Hört dieses Leiden auf, dann versöhnen sie sich mit ihm, weil sie seine Notwendigkeit einsehen lernen.

Die wirtschaftlichen Verhältnisse fordern zu ihrem Gedeihen den Opportunismus, der ihre Ordnung nur nach ihrem eigenen Wesen zustande bringt. Es muss zu Konflikten führen, wenn die wirtschaftlichen Maßnahmen im Zusammenhang stehen mit politischen oder allgemein-menschlichen Anforderungen und dieser Zusammenhang ein solcher ist, der die wirtschaftliche Entwickelung durchkreuzt. 

Die allgemein-menschlichen und die Verhältnisse der Völker fordern im Sinne der Gegenwart und der Zukunft die individuelle Freiheit des Menschen. Der Mensch muss sich zu einem Volke, zu einer Religionsgemeinschaft, zu einem anderen Zusammenhange, der mit seinen allgemein-menschlichen Aspirationen zusammenhängt, bekennen können, ohne dass er in diesem Bekenntnis von seinem politischen oder wirtschaftlichen Zusammenhange durch die Staatsstruktur abgehalten wird. 

Aus Nr. 24, Seite 383 der Rudolf Steiner Gesamtausgabe:

Der Parlamentarismus, der für Mitteleuropa nötig ist, wird sich ergeben, wenn man nicht mehr ihn als das erste ansieht, sondern als die Folge, wie sie herauskommen muss, wenn man als erstes anerkennt die Trennung in das Politisch-Militärische, das sich sein Verhältnis zu anderen Staaten nach seinem Wesen ebenso ordnet, wie die Anforderungen der inneren Volksstruktur – in das Wirtschaftliche, das nach seiner eigenen Natur opportunistisch geordnet wird, das heißt in diesem Sinne gesetzgeberisch vertreten und verwaltet wird -, und in das Allgemein-Menschliche, das auf die Korporationen aufgebaut ist, zu denen sich der Mensch im Sinne seiner eigenen freien Empfindung bekennt. 

Der abstrakte Völkerbund mit seinen utopistischen Schiedsgerichten könnte zu nichts anderem führen, als zu der fortdauernden Majorisierung Mitteleuropas durch die anderen Staaten. Die Ordnung der Verhältnisse in Mitteleuropa im Sinne der Kräftetrennung führt zu dem fortdauernden Ausgleich der in den Völkern verankerten Menschheitsinteressen. Mit dem Wilsonschen Völkerbunde schafft man Einrichtungen, welche unter dem Unheile leiden müssen, unter dem stets gelitten wird, wenn menschliche Wunschabstraktionen den Tatsachen aufgedrängt werden; mit demjenigen, wonach die ganze Wesenheit der mittel- und osteuropäischen Volker drängt, schafft man nicht solche Institutionen, sondern man befreit damit dasjenige, was befreit im Sinne der friedlichen Entwickelung, unbefreit zu kriegerischen Konflikten führen muss. Einen künftigen Zustand der Menschheit kann man nicht durch Einrichtungen schaffen, wie Wilson und die Entente wollen, sondern er wird entstehen, wenn man den Tatsachen ihre Freiheit gibt, durch die er entstehen kann. 

Träte an die Stelle der Entente-Wilsonschen-Friedensformel, was ohne Maske das Wesen dieser Formel ist, so käme das folgende heraus: 

«Wir Anglo-Amerikaner wollen, dass die Welt werde, wie wir sie wünschen; in diesen Wunsch hat sich Mitteleuropa zu fügen.» 

Diese unmaskierte Friedensformel zeigt, dass Mitteleuropa in den Krieg getrieben werden musste. Siegte die Entente, so wäre Mitteleuropas Entwickelung ausgelöscht. 

Aus Nr. 24, Seite 434 der Rudolf Steiner Gesamtausgabe:

LEITSÄTZE FÜR DIE DREIGLIEDERUNGSARBEIT 

Winter 1918/19 

1. Als Wesen der Sozialisierung der Wirtschaft ist anzusehen, dass Produktions- und Absatzorganisation im Sinne der in ihnen selbst liegenden wirtschaftlichen Gesetze geregelt werden und dass in den dadurch entstehenden Wirtschaftsorganismus keinerlei «Rechte» und Machtbefugnisse hineinspielen. Alle «Rechte» sind ausgeübt von dem der Wirtschaftsorganisation gleichstehenden, auf Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz beruhenden politischen Organismus. Alle geistigen Leistungen, einschließlich der technischen Ideen, sind in die freie, individuelle Verwaltung eines dritten gleichstehenden geistigen Organismus zu stellen. 

2. Als Vertreter des Wirtschaftsorganismus kommen die Erwählten der auf Grund der Berufsgliederung und der Arbeitsverteilung errichteten Assoziationen in Betracht. Als Vertreter der politischen Organisation kommen Erwählte auf Grund des allgemeinen, gleichen (geheimen) Wahlrechtes in Frage. Als Vertreter der Geistesorganisation kommen die durch die Verhältnisse an die Spitze der einzelnen Geisteszweige gestellten Persönlichkeiten in Frage. Zur Verbindung der drei Körperschaften dienen Delegationen, die aus den Vertretern jeder einzelnen gewählt werden. (Die drei Körperschaften stehen nebeneinander wie drei relativ unabhängige Staaten, die ihre gemeinschaftlichen Angelegenheiten durch Gesandte ordnen.) 

 

II. Praktische Durchführung: 

3. Die Überführung von Wirtschaftszweigen aus dem bisherigen in den zukünftigen Zustand hat mit Berücksichtigung des augenblicklich bestehenden wirtschaftlichen Zustandes so zu geschehen, dass bei der grundlegenden (konstituierenden) Neuorganisation alle Faktoren (Arbeitgeber und Arbeitnehmer in jeder Form) teilnehmen und dass auf opportunistischer Voraussetzung der gegenwärtig mögliche Wirtschaftsorganismus hergestellt wird. 

4. Die dadurch erstrebte neue Wirtschaftsordnung darf unter keinen Umständen durch Abreißen der wirtschaftlichen Kontinuität zu einer Unterbindung der Konsumation führen.
5. Alles, was in den Wirtschaftsorganismus als für alle Menschen gleiches Gesetz eingreift (wie Unfallverhütung, Schädigung durch Wucher und so weiter) unterliegt den Befugnissen der politischen Organisation. Die allgemeinen Steuern sollen Ausgabensteuern (was keineswegs zu verwechseln ist mit indirekten Steuern) sein. Einnahmen als solche werden nicht steuerpflichtig; sie werden es in dem Augenblick, wo die Allgemeinheit dafür Interesse hat, also bei der Überführung in die Verkehrszirkulation. 

III. Wirtschaftszweige: 

Als notwendigste Wirtschaftszweige, auf die Punkt 3 sofort angewendet werden sollte, können folgende gelten: 

1. Bergbau
2. Eisen
3. Elektrizität
4. Wasserkräfte und deren Grund und Boden 5. Gas- und Wasserversorgung
6. Luftschiffahrt
7. Straßenbahnen; alle Arten Wege
8. Kanalisation und Kanalschiffahrt
9. Chemische Industrie 

10. Getreidebau und Getreideverwertung
11. Zuckerindustrie, Branntwein und so weiter
12. Tabakindustrie
13. Alles auf die Bearbeitung des Grund und Bodens bezügliche (dagegen gehören die Eigentumsverhältnisse des Grund und Bodens in die politische Körperschaft) 

14. Versicherungswesen 

15. Geldinstitute 

IV. 

Der Friedensschluß ist so zu bewirken, dass von deutscher Seite Vertreter der drei Körperschaften mit durchaus von ihrer Körperschaft ausgehenden selbständigen Mandaten mit dem Auslande verhandeln. Eine einseitige Sozialisierung nach anderen als den angeführten Gesichtspunkten ist für Deutschland auch aus Gründen der auswärtigen Politik undurchführbar. Dagegen ist eine Begründung der auswärtigen Politik auf die Einrichtung der drei Körperschaften durchaus aussichtsvoll. 

 

 

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Über das Verhältnis von Recht und Wahrheit im Rechtsleben, Wirtschaftsleben und Freien Geistesleben

 

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Rudolf Steiner zum Opportunismus des Wirtschaftslebens wurde am 20.02.2016 unter Hide veröffentlicht.

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