Schuhputzer-Johnny und die anthropomorphe Gottheit

 

von Ingo Hagel 

 

Der Einzige, der überhaupt eine Ahnung hat von dem, was in dieser Welt vor sich geht, und was zu tun ist, ist Schuhputzer-Johnny. Egal ob Frank Drebbin Informationen benötigt, der Chirurg oder der Pfarrer (bei 1:55):

Pfarrer: Was wissen Sie über das Leben nach dem Tod? 

Schuhputzer-Johnny: Man spricht von übernatürlichen Wesen oder von der anthropomorphen Gottheit …  

 

 

Schuhputzer-Johnny kennt sich aus. Denn es ist ja –

so wie die Dinge heute laufen –

tatsächlich so:

Man spricht von einer anthropomorphen Gottheit …

wenn überhaupt noch von irgendeiner Gottheit gesprochen wird. Auch hat man keine Ahnung mehr, wie man sich die Gottheit beziehungsweise das Göttliche anders vorstellen soll als anthropomorphisch –

das heißt ähnlich dem, was man als auf zwei Beinen aufrecht gehendes Wesen Mensch zu kennen glaubt. –

 

Bereits der bekannte deutsche Naturforscher 

Ernst Haeckel findet, das anthropomorphische Dogma «vergleicht die Weltschöpfung und Weltregierung Gottes mit den Kunstschöpfungen eines sinnreichen Technikers oder Maschineningenieurs und mit der Staatsregierung eines weisen Herrschers. Gott der Herr als Schöpfer, Erhalter und Regierer der Welt wird dabei in seinem Denken und Handeln durchaus menschenähnlich vorgestellt.»

 

Und Rudolf Steiner machte darauf aufmerksam, dass bereits Goethe erkannt hatte, 

wie anthropomorphisch der Mensch nur denken kann:

Man nennt eine Welterklärung Anthropomorphismus, die vom Menschen ausgeht und sich vorstellt, dass dem Weltenlauf im ganzen eine Wesenheit zugrunde liegt, die ihn so lenkt, wie der Mensch seine eigenen Handlungen lenkt. Auch derjenige erklärt die Welt anthropomorphisch, der den Ereignissen eine allgemeine Weltvernunft zugrunde legt. Denn diese allgemeine Weltvernunft ist nichts anderes als die menschliche Vernunft, die zur allgemeinen gemacht wird. Wenn Goethe sagt: «Der Mensch begreift niemals, wie anthropomorphisch er ist», so denkt er daran, dass in den einfachsten Aussprüchen, die wir über die Natur tun, versteckte Anthropomorphismen enthalten sind.

 

Rudolf Steiner weist dann auf den Philosophen Schelling hin. 

Dieser hatte in seinem Streben, von einer Philosophie zu einer tiefgreifenden Erklärung der Welt zu kommen,

den Mut zu dem konsequentesten Anthropomorphismus gehabt. Er erklärte zuletzt den Menschen mit seinem ganzen Lebensinhalt als Gottheit. Und da zu diesem Lebensinhalt nicht allein das Vernünftige gehört, sondern auch das Unvernünftige, so hatte er die Möglichkeit, auch das Unvernünftige innerhalb der Welt zu erklären. Er musste zu diesem Ende allerdings die Vernunftansicht durch eine andere ergänzen, die ihre Quelle nicht im Denken hat. 

Wird das Innenleben als das Göttliche erklärt, dann erscheint es inkonsequent, bei einem Teil dieses Innenlebens stehen zu bleiben. Schelling hat diese Inkonsequenz nicht begangen. In dem Augenblicke, in dem er sagte: die Natur erklären heiße die Natur schaffen, hat er seiner ganzen Lebensanschauung die Richtung gegeben. Ist das denkende Betrachten der Natur eine Wiederholung ihres Schaffens, so muss auch der Grundcharakter dieses Schaffens dem des menschlichen Tuns entsprechen: er muss ein Akt der Freiheit, nicht ein solcher geometrischer Notwendigkeit sein. Ein freies Schaffen können wir aber auch nicht durch Gesetze der Vernunft erkennen; es muss sich durch ein anderes Mittel offenbaren.

 

Rudolf Steiner fand diesen Ansatz Schellings so bedeutend, dass er ihn in sogar seiner „Philosophie der Freiheit“ erwähnte. 

Man darf daher begründet annehmen, dass diese „Philosophie der Freiheit“

siehe dazu auch hier auf Umkreis-Online diese Suchhilfe dazu –

durchaus ein Weg ist, um auch zu dieser „anthropomorphen Gottheit“ beziehungsweise zu irgendwelchen „übernatürlichen Wesen„, die Schuhputzer-Johnny erwähnt, ein anderes, wirklichkeitsgemäßeres und realeres Verhältnis zu bekommen. Und in der Tat ist diese „Philosophie der Freiheit“ das Heilmittel, das den Menschen von seiner anthropomorphen, das heißt von der an die Sinne gebundenen Vernunft erlösen kann, indem es ihm –

nicht statt dieser, sondern zusätzlich zu dieser –

ein reines, sinnlichkeitsfreies Denken zum Üben und Nachdenken an die Hand gibt, auf dem er sich wie auf einem sicheren Knüppelpfad durch den Sumpf hindurcharbeiten kann, der vor irgendwelchen „Gottheiten“ oder „übersinnlichen Wesen“ liegt, die Schuhputzer-Johnny beschreibt und die der naive Mensch sich so vorstellen mag.

 

Die Menschen lieben das Denken heute allerdings gar nicht,

egal, ob es nun an den Erscheinungen der Sinneswelt entlang geht oder ob es sinnlichkeitsfrei ist –

und damit auf dem Wege ist zu einer real-geistigen Welt, die erlebt und nicht postuliert ist –

weil sie innerlich viel zu passiv und träge sind. Rudolf Steiner dazu:

In dem, was ich anthroposophische Geisteswissenschaft nenne, schon in meinem Vorwort zu der «Philosophie der Freiheit», tritt Ihnen etwas entgegen, was Sie nicht erfassen können, wenn Sie sich nur jenem passiven Denken hingeben, das man heute besonders liebt, jenem gottverlassenen Denken, dem sich die meisten Menschen hingeben, und das schon im vorigen Leben gottverlassen war; sondern Sie können es nur erfassen, wenn Sie in Freiheit den inneren Impuls entwickeln, Aktivität in das Denken hineinzubringen. Sie kommen eben mit demjenigen, was in der Geisteswissenschaft lebt, nicht mit, wenn nicht jener Funke, jener Blitz hineinschlägt, durch den das Denken voller Aktivität wird. Durch diese Aktivität müssen wir uns auch wieder die Göttlichkeit des Denkens erobern.

Und so stehen sich heute in der Welt immer weiter und unversöhnlich gegenüber ein „ungöttliches Denken„, 

das heißt nur auf die Sinneswelt angewandtes Denken, und die Esoterik der Anthroposophie, die aber ihre Grundlage in dieser wissenschaftlichen und durchaus nachvollziehbaren „Philosophie der Freiheit“ hat.

Und deshalb wird heute auch in so vielen Zeitungen die Anthroposophie Rudolf Steiners als unwissenschaftlich verschrien –

was dann gleichzeitig auch das schlagendste Argument ist, um Rudolf Steiners dringend benötigte Soziale Dreigliederung abzufertigen, weil: „Übersinnlich“ und „esoterisch„, also „Okkult!“ – Mehr zu dieser Dreigliederung gibt es aber hier auf Umkreis-Online in den verschiedenen Kapiteln und Rubriken dieser Suchhilfe

 

Man möchte mit Esoterik nichts zu tun haben, weil man sie für nicht nachvollziehbar hält. 

Würden sich die Menschen aber einmal dazu aufraffen, durch die Aktivierung ihres passiven Denkens ihr „intellektualistisches Träumen“ anhand von Rudolf Steiner „Philosophie der Freiheit“ zu überwinden, würde sie die durchaus natürliche Beziehung zwischen diesem sinnlichkeitsfreien Denken und dem sehen, was Rudolf Steiner ein modernes Hellsehen“ nennt (Hervorhebungen IH):

Da ist die anthroposophische Literatur und macht Anspruch darauf, dass man aktiv denken soll. Die meisten können nur passiv denken und meinen, aktiv zu denken sei nicht möglich. Es lässt sich dabei weder schlafen noch intellektualistisch träumen. Man muss mit, man muss das Denken in Bewegung setzen; in dem Augenblicke, wo man das tut, kommt man mit. Da hört auf dasjenige, was ich modernes Hellsehen nennen möchte, etwas Wunderbares zu sein. Dass das immer noch als etwas besonders Wunderbares erscheint, kommt daher, dass die Menschen noch nicht die Energie entwickeln wollen, Aktivität in das Denken hineinzutragen. Es ist oft zum Verzweifeln in dieser Beziehung. Man fühlt manchmal, wenn man diese Forderung der Aktivität an das Denken stellt, dass es dem Betreffenden zumute ist wie einem Manne, der im Straßengraben lag, seine Hände und Beine nicht bewegte, nicht einmal seine Augenlider aufmachte, und von einem Vorübergehenden gefragt wurde: Warum sind Sie so traurig? – Er antwortete: Weil ich nichts tun möchte.

Aber da die Menschen heute keine Ahnung davon haben, wie das eine mit dem anderen zusammenhängt, wird dieses Verhältnis immer unversöhnlicher werden. Aber vielleicht geht es wirklich nur so, dass es einfach dahin kommen muss, dass alles, was auf dieses Denken und Handeln, das immer weiter nur entlang der Sinneswelt geht –

also Technik, soziale Ordnung und so weiter, in dieser ungöttlich, das heißt völlig ungeistig, das heißt unspirituell organisierten Welt –

völlig abschmieren muss, damit die Menschen an der Unmöglichkeit des von ihnen so denkfaul Vorgestellten –

„gedacht“ kann man das ja heute kaum mehr nennen, was da an Befindlichkeiten zu Weltanschauungen erhoben wird, auf die ganze Volkswirtschaften und deren Gesellschaften gebaut werden sollen–

aufwachen mögen.

 

 

 

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Don‘t touch that!


Schuhputzer-Johnny und die anthropomorphe Gottheit wurde am 25.01.2020 unter Zum Zeitgeschehen veröffentlicht.

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