Wir haben innerhalb der deutschen Geistesentwickelung eine außerordentlich interessante Erscheinung. Ganz abgesehen jetzt davon, wie man sich zu Schelling stellen will als Philosophen, wir haben in ihm eine interessante kulturhistorische Erscheinung. Mag alles falsch und schief sein, was er in seiner Philosophie ausgebildet hat, in ihm lebte aber ein gewisser Instinkt für das natürliche Geschehen bis in die Gebiete hinein, wo die gewöhnliche Naturwissenschaft so ungern das natürliche Geschehen verfolgt, wo sie sich mehr auf eine ganz grobe Empirie verläßt. Schelling hat durchaus da, wo ihm die Möglichkeit vorlag, auch versucht medizinisch zu denken, ja er hat sich sogar in Fragen der Heilungsprozesse in einem ausgiebigen Maße betätigt. Man hat sich wenig in den philosophischen Geschichtsbetrachtungen über die neuere Zeit damit beschäftigt, wie eigentlich Schelling darauf gekommen ist, ganz instinktiv so unterzutauchen aus der bloßen abstrakten, logisch philosophischen Betrachtung in eine reale Naturbetrachtung, selbst des Organischen. Und er hat ja sogar eine Zeitschrift herausgegeben, die sich in ausgiebigem Maße mit medizinischen Fragen beschäftigt hat. Woher kommt das? Man kann sich darüber aufklären, wenn man weiß und in richtiger Weise zu würdigen versteht, aus welchen tiefen Erkenntnisinstinkten heraus Schelling seine Wahrheiten und seine Irrtümer geschöpft hat. Und so findet sich bei Schelling, durchaus nicht auf eine klare Erkenntnis gebaut, aber, ich möchte sagen, herausgehauen aus dem Instinktiven des seelischen Lebens, ein merkwürdiger Satz. Die Natur erkennen, sagte er, heißt die Natur schaffen. – Ja, wenn dieser Satz realisiert wäre unmittelbar für das menschliche Erkennen, dann hätten wir es leicht, in die Medizin hineinzukommen. Wenn wir mit in unser Erkennen aufnehmen könnten die Schaffenskräfte, wenn wir in unserem Bewußtsein anwesend hätten die Schaffenskräfte, dann könnten wir sehr leicht in das Gebiet der physiologischen und pathologischen Erscheinungen hineindringen, denn dann würden wir die schaffende Natur gewissermaßen bei ihren Schritten beobachten können. Die empirische Anschauung sagt einfach: Das können wir nicht. – Und derjenige, der dann weitergeht, kann sagen, daß gerade in der Nichterfüllbarkeit einer solchen, über das menschliche Vermögen hinausgehenden Forderung, wie sie da Schelling aufgestellt hat, etwas von dem liegt, was uns nicht hineinschauen läßt zunächst in einen solchen Prozeß, wo neue Bildungen auftreten. Weil wir das Schaffen der Natur unmittelbar mit unserem Erkennen nicht verfolgen können, deshalb können wir nicht hineinschauen da, wo neue Bildungen auftreten, das heißt, wir können das Dasein der materiellen Prozesse, wie sie sich zum Beispiel in der Karzinombildung vollziehen, nicht ohne weiteres verfolgen. Aber in dem richtigen Zusammenhalten desjenigen, was uns da eigentlich versagt ist, indem wir nicht erfüllen können die instinktive Forderung eines genialischen Menschen: Die Natur erkennen heißt die Natur schaffen – in der Nichterfüllbarkeit dieser Forderung, in Zusammenstellung mit demjenigen, was uns nun doch auftritt im karzinomatösen Prozeß, wird sich ergeben, wie man solchen Prozessen zu Leibe zu gehen hat.
Nach der anderen Seite hin, ja, da hat Schelling allerdings aus keinem Instinkt heraus gesprochen. Ich bitte Sie nur einmal, den polarischen Gegensatz zu dem, was Schelling gesprochen hat, ins Auge zu fassen. Wenn auf der einen Seite der Satz steht: Die Natur erkennen heißt die Natur schaffen – den wir nicht erfüllen können, so würde ja auf der anderen Seite der Satz stehen: Den Geist erkennen heißt den Geist zerstören. Dieser Satz ist bisher nur von Geisteswissenschaftern und da auch nur in einem gewissen mysteriösen Dunkel ausgesprochen worden: Den Geist erkennen heißt den Geist zerstören. Wenn wir nun nicht erfüllen können das Schaffen der Natur, so können wir – das wollen wir zunächst durch Analogie zugeben, man kann davon dann noch weiter reden – so können wir auch nicht aus unserem menschlichen Vermögen heraus den Geist zerstören. Wir können nicht vordringen mit unserem Erkennen bis dahin, wo die Zerstörung des Geistigen beginnt. Aber Sie ahnen schon, da besteht eine gewisse Verwandtschaft zu den manischen oder ähnlichen Zuständen, denn da tritt etwas Zerstörerisches im Geiste auf. Und gesucht wird werden müssen auf der einen Seite der Zusammenhang jener normalen menschlichen Vermögen, die nicht können die Natur schaffen, indem sie erkennen, und die nicht können den Geist zerstören, indem sie ihn erkennen. Hier habe ich Ihnen zunächst den Weg aufgezeigt, etwas, was uns geradezu aus einem normalen, aber instinktiv tiefer angeregten Bewußtsein hineinführt in ein Verhältnis des Menschen zur Natur. Wir werden sehen, daß auf diesem Wege, der hier angedeutet worden ist, im weiteren Verlaufe dasjenige liegt, was eigentlich gesucht werden muß beim Übergänge von der Physiologie zu der Pathologie. Nun, ich hoffe, daß ich morgen nicht auch noch genötigt bin, in dieser Weise zu Ihnen zu sprechen, aber ich werde doch versuchen, im Laufe der nächsten Tage wenigstens dann skizzenweise zu irgendeiner Zeit abends diese Betrachtung fortzusetzen.
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