Rudolf Steiner zum Philosophen Schelling im zweiten Mediziner-Vortrag in der GA 314

GA 314 S. 23

Ich will anknüpfen an dasjenige, was ich gestern am Schlusse dieser Betrachtungen gesagt habe. Es handelte sich darum, daß hingewiesen wurde auf eine Persönlichkeit, die gewissermaßen durch ihre philosophischen Instinkte getrieben worden ist von der Erkenntnis des Geistig-Seelischen in ein Ahnen des Zusammenhanges dieses Geistig-Seelischen mit dem physisch-leiblichen Dasein des Menschen. Es handelt sich um die Persönlichkeit Schellings, und ich habe gesagt, daß aus diesen Instinkten heraus Schelling sich ja auch nicht nur in theoretischer Medizin, sondern mit allerlei Heilbehandlungen praktisch betätigt hat. Ich weiß nicht, ob dies mit größerer oder geringerer Befriedigung geschehen ist, als es bei manchen gut präparierten Ärzten geschieht. Denn diese Frage, wieviel durch einen Heilprozeß zur Besserung eines Menschen beigetragen wird, ist ja in den meisten Fällen, wenn man es nicht gerade innerlich anschaut, ohnedies eine sehr problematische. Schelling hat aber aus dieser ganzen Seelenverfassung heraus, aus der ihm dieser Instinkt geworden ist, ein Prinzip gewonnen, von dem man allerdings sagen kann, daß es gut wäre, wenn es eine Art inneres Prinzip für jeden Arzt würde, so würde, daß der Arzt gewissermaßen seine ganze praktische Anschauung vom Wesen des gesunden und kranken Menschen aus diesem Prinzipe heraus einstellen würde. Und ich habe eben die Schellingschen Worte selber angeführt. Sie sind eine Art von Kühnheit. Er sagte einfach: Die Natur erkennen heißt die Natur schaffen. – Nun, nicht wahr, dasjenige, was einem zuerst auffallen muß, wenn jemand, der ein genialischer Mensch ist, einen solchen Ausspruch tut, das ist ja die ganz offenbare Absurdität dieses Ausspruches. Denn niemand wird sich im Ernste zutrauen, daß er als irdischer Mensch im physischen Leibe imstande ist, irgend etwas von der Natur durch das Naturerkennen auch zu schaffen. Selbstverständlich wird in der Technik fortwährend geschaffen, aber da handelt es sich ja nicht darum, etwas wirklich in dem Sinne zu schaffen, wie es Schelling meint, sondern nur durch eine Zusammenstellung, Komponierung der Naturkräfte, der Natur Gelegenheit zu geben, ihrerseits zu schaffen in einer bestimmten Weise und durch eine bestimmte Anordnung und so weiter. Also wir haben es im Grunde genommen zu tun mit einer Absurdität, die ein genialischer Mensch seinem ganzen Denken doch eigentlich zugrunde legt. Und ich habe Ihnen gestern einen anderen Satz angeführt, welcher dem: Die Natur erkennen heißt die Natur schaffen – entgegengestellt werden kann und der da heißen würde dann: Den Geist erkennen heißt den Geist zerstören. – Diesen letzteren Satz hat wohl Schelling nicht in einer so grundsätzlichen Weise ausgesprochen. Aber derjenige, der nun in der neueren Zeit wiederum an Geisteswissenschaft herantritt und eigenes Geistesforschen entwickelt, der sieht, daß im Grunde genommen beide Sätze zurückweisen auf uralte Erkenntnisinspirationen. Gewiß, Schelling, der nach keiner Richtung hin ein Eingeweihter war, sondern einfach ein genialischer Mensch, Schelling hat aus seinen Instinkten heraus den einen Satz geprägt. Dieser eine Satz erinnert einen sogleich, wenn man nun solche Studien macht, die eben in der Zeit Schellings nicht gemacht worden sind, daß er anklingt an uralte Weistümer. Dann wird man herübergetragen zu dem anderen Satze, der in einer ähnlichen Weise aus uralten Weistümern heranklingt. Beide Sätze sind mit der gewöhnlichen heutigen Verstandeserkenntnis, die wir in unseren Wissenschaften anwenden, nicht irgendwie zu begreifen. Beide sind eigentlich so nebeneinander betrachtet und für sich betrachtet eine Absurdität. Sie weisen aber auf Allerwichtigstes in der Menschheitsorganisation, sowohl für den gesunden wie für den kranken Zustand, hin.

Wir können, wenn wir die äußere Natur betrachten, den fertigen Naturprozessen gegenüber nichts anderes sagen als: Die Natur erkennen heißt höchstens in Gedanken die Natur nachschaffen. Also dasjenige, was wir unsere Gedanken nennen und was es nicht weiterbringt als zu einem Nachschaffen der Natur, dem die innere Bildekraft fehlt, das entwickeln wir eigentlich in unserem Denken, in dem von Gedanken, von Vorstellungen durchtränkten Seelenleben. Aber es ist ja schon hingewiesen worden darauf, wie dieses von Vorstellungen durchtränkte Seelenleben im Grunde genommen nichts anderes ist als dasjenige, was sich um die Zahnwechselperiode herum aus dem physisch-ätherischen Organismus heraus emanzipiert, was man also bis zum Zahnwechsel hin im physisch-ätherischen Organismus des Menschen drinnen hat. So daß man dasjenige, was da im physisch-ätherischen Menschen kraftet in den Kinderjahren, was da wirklich eine schaffende Tätigkeit ausübt, eine schöpferische Tätigkeit, dann abgeschwächt hat, abgetönt im Seelenleben als eine Bilderwelt oder Gedankenwelt oder Vorstellungswelt, kurz, ich möchte sagen, als eine von ihrer schöpferischen Substantialität herunter verdünnte Weltenkraft, in den Gedanken, in den Vorstellungen drinnen. Es sitzt also einfach in unserem Organismus dasjenige, was wir vom siebenten Jahre ab erkennen, das sitzt einfach organisierend in unserem Organismus drinnen. Da schafft es. Da schafft es zwar nicht so, daß wir es sehen können schaffend in der äußeren Natur, aber da sehen wir es schaffend drinnen in unserem eigenen Organismus. So daß, wenn das Kind schon ein Weiser sein könnte und sich aussprechen könnte nun nicht über die äußere Natur, sondern über dasjenige, was in seinem Innern vorgeht, wenn das Kind in sein Inneres blicken und dort die Natur durchschauen könnte, dann würde es sagen, wie Schelling gesagt hat: Diese Natur erkennen heißt diese Natur schaffen – denn da würde das Kind sich einfach durchimprägnieren mit den schaffenden Kräften, würde eins werden mit diesen schaffenden Kräften. Und Schelling hat in seinem medizinischen Instinkt, in seinem physiologischen Instinkt, nichts anderes getan als dasjenige, was für das ganze spätere Leben eine Absurdität ist, heraufgeholt aus dem Kindheitszeitalter und hat es herausgestoßen, indem er gewissermaßen gesagt hat: All dieses Erkennen im Alter ist doch nichts anderes als ein ohnmächtiges Bildergespinst; könnte man als Kind erkennen, dann würde man sagen müssen: Erkennen heißt eigentlich schaffen, heißt schöpferische Tätigkeit entwickeln. Aber wir können diese schöpferische Tätigkeit nur schauen in dem eigenen Inneren.

Was ist es denn eigentlich also, was uns da als schöpferische Tätigkeit in dem eigenen Inneren entgegentritt, was ein genialischer Mensch wie Schelling so ausspricht, wie ich es angedeutet habe? Nicht wahr, das Genialische beruht ja überhaupt darauf, daß der Mensch sich ein gewisses Kindliches im späteren Alter bewahrt. Diejenigen Menschen sind niemals genial, die unbedingt altern, die das Altern schon aufnehmen in einer gewissen normalen Art, wenn eben das entsprechende Alter herankommt, sondern diejenigen Menschen sind die eigentlich Genialischen, die hineintragen in das spätere Alter etwas positiv Schöpferisch-Kindliches. Es ist dieses Kindliche, dieses positiv Schöpferische, dieses erkennend Schöpferische, das gewissermaßen – wenn ich mich töricht ausdrücken will – nicht Zeit hat, nach außen hin zu erkennen, weil es die Erkenntniskräfte nach innen wendet und schafft. Das ist die Erbschaft, die wir mitbringen, indem wir durch die Geburt ins physische Dasein treten. Wir bringen Organisationskräfte mit, und wir können sie durch Geisteswissenschaft gewissermaßen schauen. Und ein solcher Mensch wie Schelling hat sie instinktiv geahnt. Nun, ein jeder Mensch aber, der sich solches Schauen aneignet, weiß, daß die Dinge nicht so sind, daß etwa diese geistig-seelischen Kräfte, die da im ersten Kindheitsalter organisierend den Organismus durchtränken, etwa mit dem Zahnwechsel vollständig aufhören. Sie machen nur eine Etappe durch. Sie werden gewissermaßen auf eine geringere Wirkungsmenge herabgedrängt, so daß wir später durchaus noch organisierende Kräfte in uns haben. Aber wir haben uns erobert das Gedächtnisbildende, das mit dem Zahnwechsel in das Bewußtsein eintritt und sich dadurch loslöst von der Organisation. Wir haben das Gedächtnis aus seinem latenten Zustande in sein Freiwerden hereinbekommen, haben als seelische Anschauungskraft unsere Wachstums-, unsere Bewegungskraft, unsere Gleichgewichtskraft, die dann in entsprechend erhöhtem Maße im ersten Kindheitsalter wirken. Aber Sie sehen daraus, daß in der normalen Menschheitsentwickelung in einer gewissen Weise bis zu einem Maß herab diese organisierende Kraft, diese Wachstumskraft gewissermaßen umgewandelt werden muß in geistig-seelische, sagen wir, in Erinnerungskraft, in gedankenbildende Kraft. Nehmen wir aber an, durch irgendeinen Vorgang werde zuviel von dieser organisierenden Kraft, die im ersten Kindheitsalter wirkt, zurückgehalten, es sei einfach die Entwickelung so gestaltet, daß nicht genug Kräfte der Organisation in gedächtnisbildende Kraft umgewandelt werden, dann bleiben sie unten im Organismus stecken, dann werden sie gewissermaßen nicht mit jedem Einschlafen in den Schlaf ordentlich hineingetragen, sondern wirken vom Einschlafen bis zum Aufwachen im Organismus weiter, durchrumorend den Organismus. Man wird dazu geführt, wenn man die medizinische physiologisch-phänomenologische Forschung in der Richtung, die ich Ihnen hier in diesen kurzen Vortragszeiten nur andeuten kann, macht, einzusehen, daß es im menschlichen Organismus möglich ist, daß Kräfte, die eigentlich ins Geistig-Seelische hineingehen sollten im richtigen Lebensabschnitte, unten bleiben in der physischen Organisation. Dann ist dasjenige gegeben, wovon ich Ihnen gestern gesprochen habe, wenn das Normalmaß der Organisationskräfte sich umwandelt mit dem Zahnwechsel, dann haben wir ein solches Maß von Kräften im Organismus im späteren Lebensalter, das diesen Organismus nach seiner Normalgestalt und Normalstruktur durchorganisieren kann. Wenn wir aber das nicht haben, wenn wir zuwenig umwandeln, dann bleiben organisierende Kräfte da unten, treten irgendwo auf, und wir erhalten jene Neubildungen, jene karzinomatösen Neubildungen, von denen ich gestern gesprochen habe, und wir können auf diese Weise verfolgen den Prozeß des Erkrankens oder des Kränkens, wie der Mediziner Troxler sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausgedrückt hat, des Kränkens in dem späteren Lebensabschnitte. Und wir können dann vergleichen, wie es mit den Kinderkrankheiten nun steht, denn selbstverständlich können Kinderkrankheiten nicht denselben Ursprung haben, weil sie im kindlichen Lebensalter auftreten, wo durchaus noch nichts umgewandelt ist. Aber wenn man gelernt hat dasjenige, was an Krankheitsursachen im späteren Lebensalter auftritt, hat man sich ja auch eine Fähigkeit angeeignet, zu beobachten, wie es mit den Krankheitsursachen im Kindheitsalter liegt. Da findet man allerdings in einer gewissen Weise dasselbe, nur von einer anderen Seite her. Man findet, daß auch dann zuviel von geistig-seelischer Organisationskraft im menschlichen Organismus ist, wenn Kinderkrankheiten auftreten. Für denjenigen, der sich in dieser Richtung Anschauungsvermögen angeeignet hat, treten diese Dinge besonders kraftvoll hervor, wenn er das Phänomen des Scharlachs, der Masern während der kindlichen Zeit ins Auge faßt, wo er sehen kann, wie im kindlichen Organismus dasjenige, was sonst normalerweise funktionieren würde, das Geistig-Seelische, zu rumoren anfängt, wie es in einem höheren Maße wirkt, als es eigentlich wirken sollte. Der ganze Verlauf dieser Krankheiten wird verständlich in dem Augenblicke, wo man dieses Rumoren des Geistig-Seelischen im Organismus nun wirklich schauen kann als die Grundlage der Erkrankung. Und dann ist man nicht mehr weit – ich bitte, meinen Satz ganz genau ins Auge zu fassen, denn ich gehe nie einen Schritt weiter, als gerechtfertigt ist durch die vorhergehenden Erwägungen, wenn auch manches nur skizzenhaft gesagt werden kann, aber ich deute überall an, wie weit man gehen kann – ich sage nicht, daß hier nun ein Schluß gezogen wird, sondern sage nur, man ist nicht mehr weit, etwas anzuerkennen, was außerordentlich wichtig ist anzuerkennen für ein wirkliches Wissen. Wenn wir dabei angelangt sind, zu erkennen, wie im menschlichen Organismus bei einer Erkrankung im späteren Lebensalter, die nach der Richtung der Neubildung geht (also Krebs; Anmerkung IH), zuviel organisierende Kraft da ist, die also einen Überschuß gewissermaßen in einer Organisationsinsel ergibt, dann ist man eben auch nicht mehr weit davon, sich zu sagen: Weist so das spätere Lebensalter auf die früheste Kindheit zurück, so weist schließlich dasjenige, was sich in der Kindheit zeigt, auf die Zeit vor der Geburt oder sagen wir vor der Empfängnis zurück; es weist zurück auf das geistig-seelische Dasein des Menschen, das er durchlaufen hat, bevor er mit einem physischen Leibe umkleidet wurde. Ein solcher Mensch hat einfach zuviel mitgebracht an Geistig-Seelischem aus seinem vormenschlichen Leben, vorirdischen Leben, und dieser Überschuß lebt sich in den Kinderkrankheiten aus. Es wird in der Zukunft gar nicht anders gehen, als sich hineintreiben zu lassen aus den unfruchtbaren materialistischen Betrachtungen, in denen wir heute namentlich im Physiologisch-Therapeutischen stecken, in eine geistig-seelische Betrachtung. Und man wird schon sehen, daß dasjenige, was in der Geisteswissenschaft auftritt, nicht etwa aus dem Grunde auftritt, weil der Geistesforscher zuwenig drinnensteht in der physischen Forschung, und weil er gewissermaßen ein Dilettant ist in der physischen Forschung, wobei ich in Parenthese durchaus sage, daß viele, die sich Geistesforscher nennen, allerdings solche Dilettanten sind, aber es ist dasjenige nicht das, was sein soll. Der Geistesforscher braucht nicht zuwenig drinnen zu stecken in der physischen Forschung, um Geistesforscher zu werden, sondern er wird Geistesforscher, wenn er gerade mehr drinnensteckt als der gewöhnliche Naturforscher. Wenn er die Erscheinungen intensiver durchschaut, dann treiben ihn die Erscheinungen schon selbst ins Geistig-Seelische hinein, insbesondere, wenn wir vom Kranksein zu sprechen haben. Und auf der anderen Seite, der Satz: Den Geist erkennen heißt den Geist zerstören – ja, das ist ja eigentlich eine ebensolche Absurdität. Aber auch dieser Satz weist auf etwas hin, was erkannt, was durchschaut werden muß. Nämlich gerade so, wie uns der Satz: Die Natur erkennen heißt die Natur schaffen – auf das erste Kindheitszeitalter hinweist, eigentlich noch auf das Vorgeburtliche, wenn wir ihn in der richtigen Weise schauend ausdehnen, ebenso weist uns der Satz: Den Geist erkennen heißt den Geist zerstören – auf des Menschen Lebensende hin, auf dasjenige, was das Ertötende im Menschen ist. Sie brauchen ja nur, ich möchte sagen, in paradoxer Weise sich an diesen Satz zu halten: Den Geist erkennen heißt den Geist zerstören – dann werden Sie schon finden, wie man ihm nicht folgen darf, wie er aber trotzdem im Leben als etwas, dem man sich asymptotisch fortwährend annähert, da ist. Den Geist erkennen, das heißt für den, der nicht einfach, ich möchte sagen, daraufloserkennt, sondern der in richtiger Weise Selbstschau entwickelt: Sehen, Schauen, fortwährende Abbauprozesse, fortwährende Zerstörungsprozesse im menschlichen Organismus. So wie wir, wenn wir in das kindlich schaffende Zeitalter hineinsehen, fortwährende Aufbauprozesse sehen, Aufbauprozesse, die aber ein Eigentümliches haben, die uns eigentlich das Bewußtsein trüben. Deshalb träumen wir, schlafen wir halb im Kindheitszeitalter, deshalb ist das Bewußtsein nicht voll erwacht. Diese unsere eigene irdische Geistigkeit, nämlich die bewußte Geistigkeit zurückdrängende Wachstumstätigkeit, ist dasjenige, was uns eigentlich durchorganisiert, und in dem Momente, wo diese Kraft ins Bewußtsein hereindringt, hört sie auf, uns in demselben Maße durchzuorganisieren, wie sie uns vorher durchorganisiert hat. Ebenso, wie man da zuschaut, indem man ins Kindheitsalter hineinblickt, den aufbauenden Kräften, aber bewußtseinslähmenden Kräften, so schaut man zu, indem man den entwickelten Denkprozessen schauend sich hingibt, Abbauprozessen, die aber dazu geeignet sind, als Abbauprozesse gerade unser Bewußtsein hell und klar zu machen. Das ist dasjenige, was die moderne physiologische Wissenschaft allzuwenig berücksichtigt, obwohl sie es eigentlich in ihren Erscheinungen so offenkundig daliegen hat, wie man nur irgend etwas daliegen haben kann. Nehmen Sie sich die wirklichen Erscheinungen der modernen Physiologie einmal heran, und Sie werden sehen, nichts kann klarer belegt werden aus all dem, was man kennt über Gehirnphysiologie und dergleichen, also daß man es bei den eigentlich seelisch-geistigen Prozessen, die bewußt verlaufen, nicht zu tun hat mit irgendwelchen Wachstumskräften, mit irgendwelchen Kräften der Nahrungsaufnahme, sondern daß man es zu tun hat mit Ausscheidungsprozessen, durch das Nervensystem mit Abbauprozessen, daß man es zu tun hat mit einem fortwährenden langsamen Ersterben. Es ist der Tod, der in uns wirkt, indem wir uns hingeben an dasjenige, was geistig eigentlich in unserem Bewußtsein wirkt. Und ebenso, wie wir durch die unbewußt schaffenden Kräfte auf den Lebensanfang blicken, so blicken wir durch die bewußt vorstellenden Kräfte, dadurch, daß sie als zerstörende Kräfte sich uns enthüllen, als dasjenige sich enthüllen, was immer mehr und mehr anfängt, indem wir ins irdische Leben hereinwachsen, uns zu ergreifen, uns abzubauen und uns zuletzt dem irdischen Tode entgegen zuführen; wir sehen eben durch diese Kräfte zu dem anderen Ende des Lebens, nach dem Tode hin. Und nicht anders wird man Geburt und Tod, oder sagen wir Empfängnis, Geburt und Tod verstehen können, als dadurch, daß man das Geistige mit hereinnimmt. Und in dem Satze: Den Geist erkennen heißt den Geist zerstören – liegt eigentlich das, daß man damit sagen will: würde man nun auf den Geist hinschauen wollen, würde man ihn nicht mehr oder weniger naiv aufnehmen, würde man ihn eben so aufnehmen, wie man die äußere Natur aufnimmt, dann würde man dasjenige, was in dieser bewußten Denk- und Vorstellungs- und Empfindungs-, Gefühlstätigkeit wirkt, zurückstauen müssen, man würde das Abbauen verhindern müssen. Das heißt, man müßte in dem Momente die Gewalt über das Geistige, das innerlich Bewußte, zur Unbewußtheit, zu einem Wirken des Geistigen in Unbewußtheit herunterstimmen, herunterlähmen. Man würde dazu kommen, ein Geistiges aus sich herauszubilden, ein Geistiges gewissermaßen aus sich herauszustoßen. Aber man könnte nicht mit dem Bewußtsein mit, weil man die Organisation nicht hineintragen kann in diesen Abbauprozeß, in diesen Geistprozeß. Und so können wir sagen: Während die Organisationsprozesse darinnen bestehen, daß wir gewissermaßen – natürlich ist das eine abstrakte Betrachtung jetzt – das Formgerüst des menschlichen Organismus haben, in das sich hineinbegibt die organisierende Kraft als Geistig-Seelisches, haben wir es im anderen Falle so – in dem zweiten Fall, den ich beschrieben habe – daß wir hier das Formgerüste des menschlichen Organismus haben, aber es nicht durchdrungen sein lassen wollen von der organisierenden, von der bis zu einem gewissen Grade unser Bewußtsein lähmenden Kraft, sondern daß wir die organisierende Kraft, die wir als Geist nun erkennen wollen, heraustreiben wollen. Wir können aber nicht mit unserem Ich mit, weil dieses an den Organismus gebunden ist. Wir haben die andere Seite, die Seite, wo der Mensch zwar anfängt, Geistiges zu entwickeln, im Geistigen namentlich Willenstätigkeit zu entwickeln. In der Durchdringung mit Willenstätigkeit, die unbewußt bleibt, gewissermaßen schlafend, träumend ist, beruht das, daß wir eigentlich ohne Bewußtsein ein Geistig-Seelisches herausbringen aus unserer Organisation. Wir haben die andere, die manische Seite, die tobende Seite, wo der Mensch toll wird, und die verschiedenen Formen der sogenannten geistigen Erkrankungen, die aber in nichts anderem bestehen als darinnen, daß wir hier bei den physischen Erkrankungen ein Geistig-Seelisches haben, das nicht hineingehört in den physischen Organismus, während wir bei den sogenannten geistigen Erkrankungen im Psychisch-Seelischen aus dem Physisch-Ätherischen etwas heraustreiben, was eigentlich drinnen sein sollte und was wir aus dem Organismus heraustreiben. Wir sehen heute von der anderen Seite noch beleuchtet dasjenige, worauf wir gestern gekommen sind. Und die Sache ist so, daß uns gerade dieser Gesichtspunkt mehr leitet, wir werden morgen sehen, zu welchen fruchtbaren therapeutischen Konsequenzen man gerade durch diese Gesichtspunkte kommt, die sich dann durchaus im Leben bestätigen, die sich erweisen als die alleräußerste Lebenspraxis in der Medizin, als die therapeutische Praxis. Wenn wir fragen nach der Ursache einer physischen Krankheit, müssen wir sie eigentlich letzten Endes in einer Verirrung des Geistigen im Organismus suchen. Gewiß, man darf da nicht abstrakt vorgehen. Derjenige, der nichts versteht vom Zusammenhange des Seelisch-Geistigen mit dem physischen Organismus, der sollte eigentlich in diese Dinge nicht dreinreden. Denn man kann das Spezielle, wo irgendwo in einem Organ eine zu große Organisationskraft, eine, ich möchte sagen, hypertrophische Organisationskraft sitzt, nur erkennen, wenn man das Konkret-Geistig-Seelische, das in sich ebenso konkretisiert ist, wie das Physisch-Leibliche zur Leber, zum Magen und so weiter konkretisiert ist, wenn man dieses Geistig-Seelische, wovon die Psychologie keine Ahnung hat, mit seinen Bestandteilen, mit seinen Gliedern ebenso kennt wie das Physisch-Sinnliche. Und wenn man die Beziehungen kennt zwischen beiden, dann kann man hinweisen aus dem oftmals sogar geistig-seelischen Befunde, der bei dem Menschen auftritt, wo irgendwo eine Art Überorganisation in irgendeinem Organe steckt. Man wird bei alledem, was nicht äußere Insulte sind, hinweisen können auf irgend solch einen Ursprung. Umgekehrt, wenn man es nun mit Geisteskrankheiten zu tun hat, mit sogenannten Geisteskrankheiten, dann wird man ein Abstraktling bleiben, wenn man glaubt, aus einer halben Phänomenologie irgend etwas gewinnen zu können, wenn man glaubt, dadurch, daß man einfach die geistig-seelischen Abnormitäten beschreibt – was zu beschreiben ja sehr nützlich ist – irgend etwas gewinnen zu können. Mit diesen Beschreibungen kann man natürlich Sensationen bei Laien sehr gut hervorrufen, denn es ist immer interessant, wie irgend jemand, der närrisch ist, abweicht von dem normalen Maß des Lebens. Denn interessant ist das Seltene, und es ist in unserer Zeit doch so, daß wenigstens noch als Seltenheit auftritt dasjenige, was in dieser Weise vom normalen Leben abweicht. Aber dabei stehenzubleiben, darum kann es sich nie handeln. Insbesondere kann es sich nicht darum handeln, etwa hinzutreiben zu dem laienhaft dilettantischen Urteil, daß der Geist und die Seele erkrankt seien, und daß man den Geist und die Seele nun irgendwie durch geistig-seelische Maßnahmen, wie es sich die Abstraktlinge träumen, kurieren kann. Nein, gerade bei den sogenannten Geisteskrankheiten hängt es in eminentester Weise davon ab, daß man überall hinweisen kann darauf, wo die Unterorganisation irgendeines Organes sitzt. Derjenige, der eine bis zur Geisteskrankheit getriebene Melancholie oder Hypochondrie wirklich erkennen will, soll nicht im Seelischen herumwaten, sondern der soll versuchen, aus der Unterleibsbeschaffenheit des betreffenden Menschen zu erkennen, wie da die Unterorganisation in der Unterleibsorganisation des Menschen wirkt, wie eine unter dem normalen Maß wirkende Organisationskraft gewissermaßen etwas herausfallen läßt, wie man in der Chemie sagt; man fällt etwas heraus aus irgendeiner Lösung und dergleichen, so daß ein Bodensatz entsteht, wie dadurch eine zu geringe Organisationskraft Physisch-Leibliches, das sonst von der Organisationskraft durchdrungen wäre, herausfällt, wie es im Organismus als Physisch-Leibliches dann vorhanden ist, wie es abgelagert wird, was in Leber, in Galle, im Magen, im Herzen, in der Lunge vorgeht. Vorgänge, die allerdings nicht so bequem zu untersuchen sind, wie man gern möchte in unserer heutigen, an das Grobe – denn das Histologische ist auch ein Grobes – sich wendenden Zeit. Psychologien sind nötig zu einer solchen Untersuchung, aber überall ist es nötig, daß die sogenannten Geisteskrankheiten zurückgeführt werden auf körperliche Zustände. Allerdings, sie werden dadurch weniger interessant. Aber es ist doch so. Es ist natürlich interessanter, wenn ein Hypochonder sagen kann, auf diese oder jene Weise ist sein Seelisches engagiert am geistig-seelischen Kosmos, als wenn man ihm nachweisen kann, daß in seiner Leber eine unterorganisierende Kraft ist. Oder es ist interessanter, im Geistig-Seelischen, sagen wir, die Ursache zu suchen für die Hysterie, interessanter, als wenn man einfach auf die Stoffwechselvorgänge der sexuellen Organe hinzuweisen hat, wenn man von den hysterischen Erscheinungen spricht oder auch von dem, was sich sonst im Organismus an Stoffwechselunregelmäßigkeiten ausdehnt. Aber erkennen wird man die Dinge nicht, wenn man sie nicht in dieser Weise verfolgt. Geisteswissenschaft geht durchaus nicht darauf aus, immer nur den Geist zu suchen. Das mag sie ruhig den Spiritisten und anderen interessanten, weil auch seltenen Leuten – sie sind nur leider viel zu wenig selten! – überlassen; aber sie redet nicht fortwährend von Geist, Geist, Geist, sondern sie versucht, den Geist wirklich zu ergreifen, und sie versucht, seine Wirksamkeiten zu verfolgen und gelangt dadurch gerade an der rechten Stelle in ein Begreifen des Materiellen hinein. Sie hat gar nicht den Stolz, die Geisteskrankheiten auf geistige abstrakte Weise zu erklären, sondern sie führt gerade für die Geisteskrankheiten in eine materielle Auffassung der Geisteskrankheiten hinein. So daß man sagen kann: Sie weist auf das interessante Phänomen erklärend hin, das sich – man braucht nur eine kurze Zeit zurückzublicken – vielleicht noch bei Griesinger oder anderen, oder in der Vor-Griesingerschen Zeit in der Psychiatrie findet, so daß sich zeigt, daß vor verhältnismäßig kurzer Zeit die Psychiater auch noch wenigstens den körperlichen Tatbestand einbezogen haben in ihre Diagnose. Was ist heute immer häufiger und häufiger geworden? Daß einen die Psychiater überhäufen in ihrer Literatur mit Krankheitsbildern, die lediglich eine Beschreibung der Abnormitäten des Geistig-Seelischen sind. So daß hier der Materialismus in ein abstrakt Geistig-Seelisches gerade hineingeführt hat. Das ist seine Tragik. Da hat er gerade aus dem Materiellen herausgeführt. Das ist das Merkwürdige für den Materialismus, daß er an gewissen Stellen gerade zum Unverständnis, zum Nichtbegreifen des Materiellen führt, während derjenige, der den Geist verfolgt als eine wirkliche Tatsache, ihn auch da verfolgt, wo er hineinwirkt in das Materielle, und wo er sich dann dem Materiellen entzieht, so daß das Materielle sich ablagert, wie in den sogenannten Geisteskrankheiten. Diese Dinge mußte ich zugrunde legen, wenn ich Ihnen nun auch einiges über Richtlinien mit Bezug auf das Therapeutische morgen andeuten möchte. Dasjenige aber, was wir so durch ein Befruchten des Physiologisch-Therapeutischen mit dem Geisteswissenschaftlichen finden, hat schon auch seine soziale Seite. Und es ist das Eigentümliche «des Lebens, daß wir jetzt überall, wenn wir nicht in einem abstrakten Zurückziehen in ein lebensfeindliches Gelehrtendasein das Wissenschaftliche suchen, sondern in der lebensvollen Auffassung des menschlichen Daseins, des menschlichen Zusammenseins, dann gerade durch eine wirkliche lebendige Wissenschaft in das Soziale hineingetrieben werden. Denn wir haben zum Beispiel ein außerordentlich interessantes soziales Phänomen in der neuzeitlichsten Entwickelung vor uns. Wir sehen, wie durch die Spaltung der Menschen auf der einen Seite hinauf in ein bourgeois-aristokratisches Wesen, auf der anderen Seite hinunter in das proletarische Wesen, das einseitig aristokratische Wesen ergriffen wird von einem falschen Geistessuchen, von dem Materialismus auf geistigem Gebiete, und wie das proletarische Wesen ergriffen wird von einem gewissen Spiritualismus auf materiellem Gebiete. Was heißt Spiritualismus auf materiellem Gebiete? Es heißt, stehenzubleiben, wenn man nach den Ursachen des Daseins sucht. Das Proletariat hat daher den wissenschaftlichen Materialismus als eine Lebensanschauung ausgebildet, in derselben Zeit, als das aristokratische Element die Geistlehre materialistisch ausgebildet hat. Während die Proletarier Materialisten geworden sind, sind die Aristokraten Spiritisten geworden. Denn wenn Sie unter den Proletariern Spiritisten finden, so ist das nicht aus dem eigenen proletarischen Kraut, sondern es ist «Mimicry», es ist nachgeahmt, es ist bloß etwas, was durch Ansteckung – ich werde morgen von Ansteckung sprechen – hinübergedrungen ist aus dem aristokratisch-bourgeoisen Element. Und wenn Sie unter Aristokraten den Materialismus auf der anderen Seite ausgebildet sehen also dadurch, daß sich die Geister materiell anschauen lassen, wie man Flammen anschaut, daß man also den Materialismus hineinträgt in das Allergeistigste und das Geistige materiell sehen will, dann wächst das aus jener ursprünglichen dekadenten Einseitigkeit, die sich aus dem Gesamtmenschlichen, aus der Totalität heraus hinwendet eben auf der einen Seite nach dem aristokratischen und nach dem bourgeoisen Element, das von dem aristokratischen Element angekränkelt ist. Wenn dasjenige, was sich, wenn es den Geist anwendet, gezwungen fühlt, in der Materie stehenzubleiben, weil es nicht durch entsprechende Schulbildung und dergleichen herausgezogen wird, wenn das Proletariat gezwungen wird, beim Geistsuchen in der Materie stehenzubleiben, dann entwickelt sich der Materialismus als Lebensanschauung. Der Materialismus wurde entwickelt von dem Proletariat als Lebensanschauung zum Beispiel in der materialistischen Geschichtsauffassung. Der Materialismus wurde entwickelt von den mehr aristokratischen Menschen als Spiritismus, denn der Spiritismus ist Materialismus, maskierter Materialismus, der dazu noch nicht einmal dabei bleibt, ehrlich sich zu bekennen, sondern der lügt und der behauptet, daß seine materiellen Bekenner spirituelle Geister seien. Nach dieser Reminiszenz wollen wir dann morgen in unseren Betrachtungen fortfahren.

 

 

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