Aufwachen aus dem Traum der Wahrnehmungswelt durch das Denken

von Ingo Hagel

 

Im fünften Kapitel seiner „Philosophie der Freiheit“ (GA 4) mit dem Titel „Das Erkennen der Welt“ greift Rudolf Steiner noch einmal das Thema der vorhergehenden Kapitel auf, nämlich 

die Unmöglichkeit, durch Untersuchung unseres Beobachtungsinhalts den Beweis zu erbringen, daß unsere Wahrnehmungen Vorstellungen sind. 

Er stellt dar, dass der kritische Idealismus, der den naiven Realismus zu überwinden sucht, zwar berechtigt ist, aber dass seine Beweisführung in sich zusammenbricht:

Wenn man ein Haus baut, und bei Herstellung des ersten Stockwerkes bricht das Erdgeschoß in sich zusammen, so stürzt das erste Stockwerk mit. Der naive Realismus und der kritische Idealismus verhalten sich wie dies Erdgeschoß zum ersten Stockwerk. 

Auf den nächsten Seiten werden dann die verschiedenen Herangehensweisen und Probleme der kritischen Idealisten behandelt, irgendwie an den Wirklichkeitscharakter der Welt doch noch heranzukommen. Wenn die Welt, die sich uns in unserem Bewusstsein offenbart, nur eine vorgestellte Welt ist, die durch unsere Leibesorganisation uns etwas Trügerisches in der Seele aufbaut, was aber so in Wirklichkeit nicht vorhanden ist, was also wie ein Traum erscheint, dann muss man sich doch die Frage stellen, wie man denn die Wirklichkeit der Welt erfasst: 

Einem kritischen Idealisten dieser Art erscheint die ganze Welt als ein Traum, dem gegenüber jeder Erkenntnisdrang einfach sinnlos wäre. Für ihn kann es nur zwei Gattungen von Menschen geben: Befangene, die ihre eigenen Traumgespinste für wirkliche Dinge halten, und Weise, die die Nichtigkeit dieser Traumwelt durchschauen, und die nach und nach alle Lust verlieren müssen, sich weiter darum zu bekümmern. Für diesen Standpunkt kann auch die eigene Persönlichkeit zum bloßen Traumbilde werden. Gerade so wie unter den Bildern des Schlaftraums unser eigenes Traumbild erscheint, so tritt im wachen Bewusstsein die Vorstellung des eigenen Ich zu der Vorstellung der Außenwelt hinzu. Wir haben im Bewusstsein dann nicht unser wirkliches Ich, sondern nur unsere Ichvorstellung gegeben. Wer nun leugnet, daß es Dinge gibt, oder wenigstens, daß wir von ihnen etwas wissen können: der muß auch das Dasein beziehungsweise die Erkenntnis der eigenen Persönlichkeit leugnen. Der kritische Idealist kommt dann zu der Behauptung: «Alle Realität verwandelt sich in einen wunderbaren Traum, ohne ein Leben, von welchem geträumt wird, und ohne einen Geist, dem da träumt; in einen Traum, der in einem Traume von sich selbst zusammenhängt» (vergleiche Fichte, Die Bestimmung des Menschen). 

 

Rudolf Steiner schildert dann, dass die Bilder des Traumes eines schlafenden Menschen 

im Moment des Erwachens ihren Wirklichkeitsbezug enthüllen:  

In dem Augenblicke des Erwachens fragen wir nicht mehr nach dem inneren Zusammenhange unserer Traumbilder, sondern nach den physikalischen, physiologischen und psychologischen Vorgängen, die ihnen zum Grunde liegen. … Wenn ich träume, daß ich Wein trinke, der mir ein Brennen im Kehlkopf verursache und dann mit Hustenreiz aufwache (vergleiche Weygandt, Entstehung der Träume, 1893), so hört im Augenblicke des Erwachens die Traumhandlung auf, für mich ein Interesse zu haben. Mein Augenmerk ist nur noch auf die physiologischen und psychologischen Prozesse gerichtet, durch die der Hustenreiz sich symbolisch in dem Traumbilde zum Ausdruck bringt. In ähnlicher Weise muß der Philosoph, sobald er von dem Vorstellungscharakter der gegebenen Welt überzeugt ist, von dieser sofort auf die dahinter steckende wirkliche Seele überspringen.

Danach folgt diese bedeutende Stelle mit dem Aufwachen aus dem Wahrnehmungstraum:   

Schlimmer steht die Sache allerdings, wenn der Illusionismus das Ich an sich hinter den Vorstellungen ganz leugnet, oder es wenigstens für unerkennbar hält. Zu einer solchen Ansicht kann sehr leicht die Beobachtung führen, daß es dem Träumen gegenüber zwar den Zustand des Wachens gibt, in dem wir Gelegenheit haben, die Träume zu durchschauen und auf reale Verhältnisse zu beziehen, daß wir aber keinen zu dem wachen Bewusstseinsleben in einem ähnlichen Verhältnisse stehenden Zustand haben. Wer zu dieser Ansicht sich bekennt, dem geht die Einsicht ab, daß es etwas gibt, das sich in der Tat zum bloßen Wahrnehmen verhält wie das Erfahren im wachen Zustande zum Träumen. Dieses Etwas ist das Denken.    

 

Jetzt kann es sein, dass für den Leser eines der vielen Probleme mit der „Philosophie der Freiheit“ beginnt. 

Denn man denkt sich doch als Jemand, der aus dem gewöhnlichen Bewusstsein heraus mit diesem Buch und mit dieser Stelle zusammenstößt: 

Na klar doch! Das mache ich doch dauernd: Ich denke. Ist doch klar wie Kloßbrühe! Also betrifft mich diese dort in der „Philosophie der Freiheit“ beschriebene Erkenntnisproblematik nicht, denn ich habe sie bereits überwunden! Ich denke doch den ganzen lieben langen Tag, und als begeisterter Student der „Philosophie der Freiheit“ denke ich nun noch heftiger als vorher, so dass es schon ziemlich gefährlich knarrt und knirscht im Nervengebälk. Also bin ich doch erwacht aus diesem Traum des Wahrnehmens. Oder wie oder was?

Und in einer gewissen Weise mag das ja auch zutreffen, weil man, sensibilisiert durch das Studium der „Philosophie der Freiheit“, noch sehr viel bewusster und aktiver die Elemente der Wahrnehmungswelt mit Begriffen und Ideen durchzieht und verbindet. Wenn das geschieht, bedeutet es in der Tat bereits ein Erwachen aus einem Traum und einen Erkenntnisfortschritt gegenüber dem naiven Realisten, der wenig nach Begriffen fragt – 

Dem naiven Menschen kann der Mangel an Einsicht, auf den hier gedeutet wird, nicht angerechnet werden. Er gibt sich dem Leben hin und hält die Dinge so für wirklich, wie sie sich ihm in der Erfahrung darbieten.   (GA 4 S. 85)

die doch einzig und allein in der Lage sind, das dumpfe, traumhaft chaotische Panorama der Sinnesempfindungen zu erhellen und mit gewichtenden, differenzierenden Gedanken zu durchziehen (GA 4 S. 80):         

Ohne das funktionierende Denken erscheint uns das rudimentäre Organ des Tieres, das ohne Bedeutung für dessen Leben ist, gleichwertig mit dem wichtigsten Körpergliede. Die einzelnen Tatsachen treten in ihrer Bedeutung in sich und für die übrigen Teile der Welt erst hervor, wenn das Denken seine Fäden zieht von Wesen zu Wesen. Diese Tätigkeit des Denkens ist eine inhaltvolle. Denn nur durch einen ganz bestimmten konkreten Inhalt kann ich wissen, warum die Schnecke auf einer niedrigeren Organisationsstufe steht als der Löwe. Der bloße Anblick, die Wahrnehmung gibt mir keinen Inhalt, der mich über die Vollkommenheit der Organisation belehren könnte.

 

Ist es also das, was Rudolf Steiner mit dem Aufwachen aus dem Wahrnehmungstraum meint: 

Dass man – an der „Philosophie der Freiheit“ geschult – nun noch intensiver an der Sinneswelt entlangdenkt? Aber das tut man doch vorher schon? Das tut man doch – mehr oder weniger – permanent und dauernd in diesem alltäglichen Leben. Und wenn man irgendeine wissenschaftliche Ausbildung gemacht hat, dann denkt man eben noch intensiver und differenzierter an der Sinneswelt entlang. Ist es das, was Rudolf Steiner meint? Aber ist man dann nicht immer noch nur ein naiver Realist? Zwar nicht mehr ein naiver Realist, der nur wenige Begriffe mit den Wahrnehmungen verbindet, sondern nun ein naiver Realist, der viele oder sehr viele Begriffe mit der Wahrnehmungswelt verbindet – aber eben immer noch ein naiver Realist. Man kann dann vielleicht sogar materialistischer Wissenschaftler und Doktor und Professor werden, der mit seinem Wissen – 

zum Beispiel über die in der „Philosophie der Freiheit“ angeführten Organisationsstufen von Schnecke und Löwe (GA 4 S. 95, siehe oben) – 

die Lehrbücher der Welt füllen mag, der sich aber eben – 

mit Blick auf den besonderen Erkenntnisstandpunkt der „Philosophie der Freiheit“ – 

immer noch in einem Wahrnehmungstraum befindet. Kann es also wirklich das sein, was Rudolf Steiner meinte mit dem Aufwachen aus dem Traum durch das Denken?      

 

Aber dabei kann man merken: man ist doch immer noch im gewöhnlichen Bewusstsein drin – 

das heißt anthroposophisch: man denkt mit dem physischen Leib, das heißt an der Sinneswelt entlang. –

Das mag selbst für ein goetheanistisches Durchdenken der Phänomene der Sinneswelt –

das aber schon sehr viel mehr Geist benötigt, als ihn der im gewöhnlichen Sinn studierte Mensch in der heutigen Zeit aufbringt – 

vielleicht gerade noch so eben angehen, aber für ein wirkliches Verständnis der „Philosophie der Freiheit“, sowie der Anthroposophie – 

und der Meditation! Auch wenn diese in erster Linie mit der „Philosophie der Freiheit“ nichts zu tun haben scheint – aber in zweiter Linie dann eben doch, worauf hier auf dieser Seite immer wieder hingewiesen wurde – 

geht es nicht an. Das oben aus der „Philosophie der Freiheit“ angeführte Erwachen aus dem Wahrnehmungstraum ist also noch ganz anders gemeint, als dass man im gewöhnlichen Bewusstsein mehr oder weniger viele und mehr oder weniger bewusst Begriffe mit den Wahrnehmungen verbindet. Man könnte sagen, dass dieses Aufwachen aus dem Sinnestraum vom in der „Philosophie der Freiheit“ beschriebenen Greifen des Säuglings nach dem Mond (S. 63) bis zum Erfassen des Göttlichen in sich –

Erfaßt man das Denken in sich, so erfaßt man das Göttliche in sich.    man steht in der ätherischen Welt drinnen.    Man steht in der ätherischen Weltensphäre drinnen. Man kann nicht mehr zweifeln an der Gesetzmäßigkeit der Weltenäthersphäre, wenn man das Denken so erfaßt hat, wie es in der «Philosophie der Freiheit» erfaßt ist. So daß da erreicht ist dasjenige, was man ätherisches Erleben nennen kann. – 

verschiedene Stufen hat. Aber ohne dass man sich damit mehr oder weniger – 

wie gesagt, das hat ja mehrere Stufen –

erfolgreich beschäftigt, was Rudolf Steiner in seiner „Philosophie der Freiheit“ – ab dem dritten Kapitel – Beobachtung des Denkens nennt, wird man zu diesem Aufwachen aus dem Wahrnehmungstraum des gewöhnlichen Bewusstseins wohl nicht wirklich kommen. 

 

Um zu diesem Aufwachen zu kommen, soll also die Aufmerksamkeit auf das Denken gerichtet werden. 

Das Denken soll in den Blick genommen werden. Es soll beobachtet werden. Die Beobachtung des Denkens ist allerdings, da 

es das unbeobachtete Element unseres gewöhnlichen Geisteslebens ist (GA 4 S. 42)

für das gewöhnliche Bewusstsein „eine Art Ausnahmezustand„:

Während das Beobachten der Gegenstände und Vorgänge und das Denken darüber ganz alltägliche, mein fortlaufendes Leben ausfüllende Zustände sind, ist die Beobachtung des Denkens eine Art Ausnahmezustand.  (GA 4 S. 40)

Wie man das macht, hat Rudolf Steiner im dritten Kapitel beschrieben (GA 4 S. 43): 

Das Denken, das beobachtet werden soll, ist nie das dabei in Tätigkeit befindliche, sondern ein anderes. Ob ich zu diesem Zwecke meine Beobachtungen an meinem eigenen früheren Denken mache, oder ob ich den Gedankenprozeß einer anderen Person verfolge, oder endlich, ob ich, wie im obigen Falle mit der Bewegung der Billardkugeln, einen fingierten Gedankenprozeß voraussetze, darauf kommt es nicht an.

Und auch hier auf Seite (GA 4 S. 42): 

Wenn ich einen Gegenstand sehe und diesen als einen Tisch erkenne, werde ich im allgemeinen nicht sagen: ich denke über einen Tisch, sondern: dies ist ein Tisch. Wohl aber werde ich sagen: ich freue mich über den Tisch. Im ersteren Falle kommt es mir eben gar nicht darauf an, auszusprechen, daß ich zu dem Tisch in ein Verhältnis trete; in dem zweiten Falle handelt es sich aber gerade um dieses Verhältnis. Mit dem Ausspruch: ich denke über einen Tisch trete ich bereits in den oben charakterisierten Ausnahmezustand ein, wo etwas zum Gegenstand der Beobachtung gemacht wird, was in unserer geistigen Tätigkeit immer mitenthalten ist, aber nicht als beobachtetes Objekt.

Wobei zu beachten ist, dass man das gegenwärtige Denken nie beobachten kann (GA 4 S. 43):

Ich bin sogar in demselben Fall, wenn ich den Ausnahmezustand eintreten lasse und über mein Denken selbst nachdenke. Ich kann mein gegenwärtiges Denken nie beobachten; sondern nur die Erfahrungen, die ich über meinen Denkprozess gemacht habe, kann ich nachher zum Objekt des Denkens machen. 

 

Bis hierhin könnte man meinen, dass sich das alles noch im gewöhnlichen Bewusstsein vollzieht. 

Denn wenn ich über den Tisch denke, bin ich selbstverständlich noch sehr im gewöhnlichen Bewusstsein drinnen, da ich ja den Tisch denkend beobachten muss.

Dass Rudolf Steiner diese Aspekte zur Beobachtung des Denkens, die oben aus dem dritten Kapitel zitiert wurden, nicht aus dem gewöhnlichen Bewusstsein gemeint hat, das wird klar aus dem Zusatz, den er 25 Jahre nach der Erstausgabe seiner „Philosophie der Freiheit“ an dieses dritte Kapitel angehängt hat. Wie immer mal wieder hier auf dieser Seite beschrieben, ist da zum Beispiel zu lesen:   

Man sollte nur nicht verwechseln: «Gedankenbilder haben» und Gedanken durch das Denken verarbeiten. Gedankenbilder können traumhaft, wie vage Eingebungen in der Seele auftreten. Ein Denken ist dieses nicht. … 

Beim Denken kommt es auf Folgendes an:  

… es kommt darauf an, daß nichts gewollt wird, was, indem es sich vollzieht, vor dem «Ich» nicht restlos als seine eigene, von ihm überschaubare Tätigkeit erscheint. … 

Man muss also erwägen und schließlich realisieren können, dass in der Betätigung des in der „Philosophie der Freiheit“ gemeinten Denkens

das «Ich» bis in alle Verzweigungen der Tätigkeit sich mit dem Tätigen als ein Wesen weiß. 

Beziehungsweise dass dieses in der „Philosophie der Freiheit“ gemeinte Denken nichts anderes darstellt

als das im «Ich» selbst als überschaubare Tätigkeit Hervorgebrachte …

 

Also: Das, was einem im alltäglichen Bewusstsein beim Denken entlang der Sinneswelt 

so passiv durch die Seele zieht, ist kein Denken. Zu diesem muss man erst aufwachen. Das von Rudolf Steiner in seiner „Philosophie der Freiheit“ gemeinte wirkliche Denken –

das ein reines Denken ist, kein Denken entlang der Sinneswelt – oft hat Steiner darauf hingewiesen – 

bringt die schöpferische Tätigkeit des denkenden „Ichs“ zur Anschauung. Das „Ich“ weiß, was es tut, und dass das, was es hervorbringt, „überschaubar“, also anschaubar ist. Aber nichts wird angeschaut, das nicht vom „Ich“ hervorgebracht wird. Und das „Ich“ weiß, dass es mit dieser Tätigkeit auf einem anderen Niveau steht als dasjenige Niveau darstellt, bei dem im gewöhnlichen, alltäglichen Bewusstsein passiv alle möglichen Bewusstseinsinhalte durch die sogenannte „Seele“ ziehen, an denen das „Ich“ aber keinen hervorbringenden Anteil hat.   

 

Ein Gedanke im Sinne des Zusatzes zum dritten Kapitel der „Philosophie der Freiheit“ kann also nur ein solcher sein, 

bei dem der Mensch sich klar und bewusst ist, dass er diesen bildet, und im Moment des Bildens gleichzeitig denkt, das heißt anschaut. Das muss man erstmal in dieser Absolutheit hinbekommen. Dem stehen alle Denkgewohnheiten des eigenen kleinen Lebens sowie der großen Entwicklungsgeschichte des Denkens der Menschheit der letzten mindestens weit über 2000 Jahre entgegen. Dem stehen auch nicht nur ein Unverständnis dessen, was Steiner mit seiner „Philosophie der Freiheit“ und diesem dort geschilderten Denken meint, sondern auch alle Kraftlosigkeiten des eigenen Gedankenorganismus entgegen. Die von Steiner im Zusatz zum dritten Kapitel seiner „Philosophie der Freiheit“ so „harmlos und lapidar informativ“, aber umfassend und streng skizzierte Technik wird also nicht leicht zu erfüllen, das heißt umzusetzen sein. Vor allen Dingen wird zu Beginn dieses Abenteuers nicht leicht zu verstehen sein, was da eigentlich gewollt ist. Zu diesem Verstehen und zu diesem Aufwachen muss man sich erst durch ein intensives, mühevolles Studium der „Philosophie der Freiheit“  und der Anthroposophie hinarbeiten. Überall hat Steiner für uns kleinere oder größere Esel kleinere oder größere Eselsbrücken gebaut, auf dass wir gehend, humpelnd, abstürzend, schwimmend, halb ertrinkend in der Fülle des Dargebotenen – 

je nach dem Standort der Bewusstseinsentwicklung, an dem wir uns biografisch gerade befinden – 

dennoch das rettende andere Ufer erreichen sollen.  

 

Mit Blick auf ein Erfassen dessen, was Steiner im dritten Kapitel der „Philosophie der Freiheit“ 

ein Aufwachen aus dem Traum des gewöhnlichen Bewusstseins nennt – also: 

… daß es etwas gibt, das sich in der Tat zum bloßen Wahrnehmen verhält wie das Erfahren im wachen Zustande zum Träumen. Dieses Etwas ist das Denken.   

wird es mit diesem Zusatz zum dritten Kapitel der „Philosophie der Freiheit“ also doch recht kompliziert, wenn man dieses Denken wirklich so realisieren will, wie Rudolf Steiner es in dieser „Philosophie der Freiheit“ gekennzeichnet hat. Nur das Denken wollen – 

ohne dass das Denken diese verschiedenen anderen Charakterisierungen aus Steiners Zusatz zum dritten Kapitel der „Philosophie der Freiheit“ erfüllt – 

das hat mit dem wirklichen Denken, das Steiner in seiner „Philosophie der Freiheit“ kennzeichnet, eben „nichts zu schaffen.

… das wirkliche Denken muss immer gewollt sein. Nur hat dies mit der Kennzeichnung des Denkens, wie sie in diesen Ausführungen gemacht ist, nichts zu schaffen.

Denn Rudolf Steiner spricht mit Blick auf den Inhalt des Bewusstseins in der Neuausgabe 1918 mit einer frappierenden Absolutheit aus, dass so, wie dieser in der „Philosophie der Freiheit“ gemeint ist, eben nichts anderes im Bewusstsein enthalten sein darf als das, was man selber durch die bewusste Tätigkeit seines „Ich“ denkend in dieses hineinbringt und – gleichzeitig anschaut. Alle anderen Bewusstseinsinhalte müssen für die Dauer dieses Denkaktes aus dem Bewusstsein getilgt sein:    

… es kommt darauf an, daß nichts gewollt wird, was, indem es sich vollzieht, vor dem «Ich» nicht restlos als seine eigene, von ihm überschaubare Tätigkeit erscheint. …

Das klingt alles so verständlich, wenn man oberflächlich mit seinem gewöhnlichen diskursiven Bewusstsein über die Inhalte der „Philosophie der Freiheit“ hinweghuddelt. Aber daran kann man auch und mal wieder merken, dass es mit Blick auf die „Philosophie der Freiheit“ gar nicht so sehr auf ein Verstehen mit dem Kopf ankommt –

natürlich muss man die „Philosophie der Freiheit“ auch verstehen – aber nur der Kopf versteht sie eben nicht, da muss man schon ein wenig mehr mitbringen – oder sich durch das Studium der „Philosophie der Freiheit“ anerziehen – 

sondern auf ein Praktizierenkönnen des Verstandenen. Lesen kann man obige Zeilen – 

und alle übrigen Zeilen aus dem Zusatz zum dritten Kapitel der „Philosophie der Freiheit“ zur Denktechnik derselben – 

sehr schnell, aber sie in die Umsetzung bringen, in das Wollen, in das Tun, in die Realisierung dieser Worte, das ist das große Problem. Das muss man wissen, um nicht enttäuscht zu werden, weil man schnelle Ergebnisse erwartet.   

  

Mit deren Realisierung ist dieses gewöhnliche Bewusstsein aber ganz und gar nicht mehr ein gewöhnliches Bewusstsein. 

Es mag zwar immer noch in dem Sinne gewöhnlich sein, dass noch keine ungewöhnlichen – also real übersinnlichen – Inhalte in diesem Bewusstsein anwesend sind, aber Gedankeninhalte –

und überhaupt die reinen Gedankeninhalte der „Philosophie der Freiheit“ –

mit einer derartigen Ausschließlichkeit zu denken, das ist für den gewöhnlichen Menschen und Leser von Büchern schon sehr ungewöhnlich. Aber wer liest denn heute überhaupt noch? Die Umsetzung des gedruckten Wortes in ein eigenes – und gar ein geistiges – Erlebnis scheint dem heutigen Menschen wie zubetoniert, wird gemieden, gefürchtet, weil anstrengend, weshalb die ganze Welt eben kaum noch liest, sondern nur noch irgendwelchen Videoclips zusieht und zuhört – was die Passivität des Denkens nur immer weiter auf die Spitze treibt. –

Aber Rudolf Steiner sagte mit Blick auf die anthroposophische Bewegung: 

… diese Bewegung wird in ihren tiefsten Teilen nicht durch diejenigen ihre Geltung in der Welt erlangen, die nur die Tatsachen der höheren Welt hören wollen, sondern durch solche, welche die Geduld besitzen, in eine Gedankentechnik einzudringen, die einen realen Grund für ein wirklich gediegenes Arbeiten schafft, die ein Skelett schafft für das Arbeiten in der höheren Welt. (GA 35 S. 94) – 

 

Der heutige Zeitgenosse, sollte er irgendwie mal die Gelegenheit kommen, 

mit seinem Bewusstsein eine Weile lesend an den Inhalten der „Philosophie der Freiheit“ entlangstreichen zu können, steht dem, was dort als Denktätigkeit beschrieben wird, so fern, dass er sich nicht im entferntesten eine Vorstellung machen kann von dem, was da an absoluter Weltneuheit des Denkens –

im Sinne auch und zum Beispiel dessen, was der Zusatz zum dritten Kapitel von Rudolf Steiners „Philosophie der Freiheit“ beschreibt –

gewollt wird – und dass das nicht in ein paar Augenblicken erreicht wird. Und eines der Mittel, um in diese oben angeführte „Gedankentechnik einzudringen“, ist eben die „Philosophie der Freiheit“. Diese Gedankentechnik ist es aber, 

die einen realen Grund für ein wirklich gediegenes Arbeiten schafft, die ein Skelett schafft für das Arbeiten in der höheren Welt.

 

Das ist es, worum es letztlich bei all diesen philosophischen Schriften Rudolf Steiners geht, 

bei denen selbst die Anthroposophen nicht wissen, warum sie sich das antun sollen. Viele von diesen würden zwar gerne in irgendwelche „geistigen Welten“ mit irgendwelchen Bildekräften, Elementarwesen, Engeln, Erzengeln und so weiter eintauchen, oder sie wälzen sich in irgendwelchen mystischen Gefühligkeiten eines „neuen“, sogenannten anthroposophischen Gemeinschaftslebens – aber sich durch eine solide Erkenntnistheorie die Gedankentechnik des reinen Denkens aneignen, mit der man sich in diesen geistigen Welten nicht verliert, das wollen sie nicht – damals nicht und heute auch nicht. –

Über den diesbezüglichen „Mangel an Interesse seitens der Anthroposophen“ damals berichtet Andrej Belyj aus seinen Gesprächen mit Steiner. – 

Ich habe hier auf dieser Seite ja immer mal wieder darauf hingewiesen, dass Rudolf Steiner diese Gefahr sah und aus diesem Grunde jenes mahnende, ernste Nachwort zu seinem Buch „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“ schrieb, in dem er ganz klar ausführte, dass das reine Denken die Grundlage ist, auf der alles das sich vollziehen muss, was in diesem Buch als Methode einer sachlichen, okkulten Forschung beschrieben ist. Und die „Philosophie der Freiheit“ Steiners ist eben die Grundlage nicht nur dafür, sondern auch für alles sinnvolle wissenschaftliche Arbeiten in der Welt und für alles fruchtbare, gesunde Auffassen und Verstehen dieser Welt, selbst wenn man weder Wissenschaftler noch Okkultist (Geistesforscher) ist. 

Nur dadurch kann man sich in dieser Welt, die einem ansonsten wie ein chaotischer Traum erscheinen mag, aufgehoben und geborgen fühlen. Nur das in der „Philosophie der Freiheit“ Rudolf Steiners beschriebene Denken kann einem das geistige Werkzeug in die Hand geben, um aus diesem Wahrnehmungstraum zu erwachen, den Sinn dieser Welt zu sehen. Dieses Denken kann einem vermitteln, in seinem eigenen Leben einen Sinn zu sehen – sowie seine Lebensaufgabe zu erfassen und zu ergreifen.          

 

Nun darf man aber nicht meinen, dass das Nicht-Beachten dieser Thematik eines Aufwachens 

aus dem Wahrnehmungstraum keine Konsequenzen hätte. Zu dieser Meinung könnte sehr leicht der Gedanke führen, dass diese „wesenlose Diskussion“, die damals zu Steiners Zeiten in der Gesellschaft geführt wurde – 

nämlich ob die Welt nur eine vorgestellte ist oder nicht – und wie denn die Welt des wirklichen „Dinges an sich“ – wie die Philosophen Kant, Schopenhauer und andere das nannten – wohl aussehen mochte, und wie man da hinkommen kann –   

heute längst überlebt ist – 

in der Tat interessiert diese Diskussion als solche heute Keinen mehr – 

und man nun, da man sich glücklich aus dieser verschrobenen philosophischen Illusionismus-Diskussion in die knackige Welt der realen Technik gerettet hat, man glücklicherweise mit solchen Themen nichts mehr zu tun hätte. Dem ist aber nicht so. 

 

Zumindest für die jungen Leute wird die Welt heute immer sinnloser ohne das, 

was Rudolf Steiner in seiner „Philosophie der Freiheit“ ausführte. Das Thema eines Aufwachens aus dem Wahrnehmungstraum durch die „Philosophie der Freiheit“ Rudolf Steiners ist also immer noch nicht nur aktuell, sondern fängt immer mehr an, nicht nur dem Sozialwissenschaftler, sondern auch den Sozialsystemen unter den Nägeln zu brennen. Davon zeugt – nur zum Beispiel – dieses Buch des Harvard Professors Arthur C. Brooks, das Marie-Luise Goldmann in der WELT (vom 8. Mai 2026, S. 16) unter dem Titel:

Wir verlieren unser Gefühl für den Sinn des Lebens immer schneller        

gerade eben beschrieb. 

Zehn Jahre hatte der amerikanische Harvard-Professor Arthur C. Brooks seiner Uni den Rücken gekehrt, um für einen Think Tank zu arbeiten. Als der Wirtschaftswissenschaftler nun zurückkehrte, konnte er nicht fassen, was er dort erlebte: „Depressionen, Angst, Einsamkeit, Furcht und Wut“. Brooks erkannte seinen eigenen Campus nicht mehr wieder: Die Atmosphäre hatte sich „verdunkelt“, ihm wurde „unheimlich“ angesichts der wachsenden Zahl an Studenten, die unter Depression und Angstzuständen litten.

In seinen Umfragen stößt Brooks immer wieder auf das Problem, dass sich äußerlich erfolgreiche Personen innerlich leer fühlen, wie in einer Simulation: „Das Leben wirkte irreal: geprägt von Scheinbelohnungen, hohlen Erfolgen, Selbsthilfe-Gerede und künstlichen Erlebnissen – sorgfältig arrangiert, um die Zeit möglichst schmerzfrei herumzubringen.“ Was all den jungen Leuten, mit denen Brooks sprach, fehlte, war das Sinngefühl. „Immer wieder sagten Leute, dass ihr Leben ereignisreich, aber nicht erfüllend sei.“

 

Die Welt macht eben keinen Sinn ohne Anthroposophie beziehungsweise – 

wenn man sich an Worten stößt, weil einem Worte mehr bedeuten als Begriffe, und man dieses Wort Anthroposophie erstmal nicht mag – 

ohne eine adäquate philosophische Behandlung der Frage, was denn an dieser Welt real, was wahr und wirklich ist. Ein Aufwachen aus dem Wahrnehmungstraum ist heute noch aktueller als damals 1894, als Rudolf Steiner es in der „Philosophie der Freiheit“ thematisierte. Mal sehen, wann auch die Fachwissenschaftler von heute darauf kommen, für die Steiner bereits damals vor über 130 Jahren die „Philosophie der Freiheit“ in der Erstauflage in erster Linie geschrieben hatte. Aber Steiner sagte damals eben auch: 

Lassen Sie drei Jahrzehnte noch so gelehrt werden, wie an unseren Hochschulen gelehrt wird, lassen Sie noch durch dreißig Jahre so über soziale Angelegenheiten gedacht werden, wie heute gedacht wird, dann haben Sie nach diesen dreißig Jahren ein verwüstetes Europa. 

Und so hat sich diese Prophezeiung Steiners denn auch mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges bewahrheitet. Denn die Wissenschaft konnte damals mit dem in Steiners „Philosophie der Freiheit“ dargestellten Denken nichts anfangen – und sie kann bis heute bis in die sogenannten „gebildeten Schichten“ hinein damit nichts anfangen. 

 

Was sagte Rudolf Steiner zu solchen Phänomenen einer sich ungesund entwickelnden Menschheit 

und einer diese beforschenden Naturwissenschaft:

Man kann durch Naturwissenschaft auf solche Dinge nicht aufmerksam machen, denn naturwissenschaftlich würde erklärbar sein, wenn die Menschen Engel werden, und würde es auch sein, wenn die Menschen Teufel werden. Über beides hat die Naturwissenschaft dasselbe zu sagen: Es ist das Folgende aus dem Früheren hervorgegangen – die große Weisheit der Kausal-Naturerklärungen! Die Naturwissenschaft wird nichts bemerken von dem Ereignis, von dem ich Ihnen gesagt habe, denn sie wird selbstverständlich, wenn die Menschen zu halben Teufeln werden durch ihre sexuellen Instinkte, das als eine Naturnotwendigkeit ansehen. Also naturwissenschaftlich kann die Sache gar nicht erklärt werden, denn, wie es auch kommt: alles ist nach der Naturwissenschaft erklärlich. Solche Dinge sind eben nur im geistigen Erkennen, im übersinnlichen Erkennen durchschaubar. 

Wir werden also wohl noch viele Wahrnehmungs-Forschungsergebnisse wie das des oben angeführten Harvard-Professors, und noch viele Artikel angesehener Zeitungen zu lesen bekommen, bis die Gesellschaften so derartig ruiniert sein werden, dass man sich dann doch vielleicht dazu durchringen wird, ein wenig tiefer und im Sinne der „Philosophie der Freiheit“ nachzudenken und den Denkwillen eines aktiven Denkens in Gang zu setzen, um aus dem herauszukommen, was immer mehr Menschen heute als einen bedrohlichen, „irrealen“ Traum, „wie in einer Simulation“ erleben. 

  

  

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