Rudolf Steiner: Abtötung der Interessen für die Außenwelt bei der Meditation 

(GA 113 S. 34)

Wir können sagen, normalerweise ist nur im Augenblick des Todes die Möglichkeit gegeben, daß frei vom physischen Leib Ich und astraler Leib und Ätherleib zusammenwirken. Für die hellseherische Forschung muß also etwas eintreten, das sich vergleichen läßt einzig und allein mit demjenigen, was sonst für den Menschen im Augenblicke des Todes eintritt, das heißt der Mensch muß, wenn er in bewußtem Sinne hellseherisch werden will, zu einer Entwickelungsstufe in seinem Leben kommen, wo er von seinem physischen Leib und dem Gebrauche der Glieder des physischen Leibes ebenso unabhängig ist, wie er unabhängig von ihnen ist im Momente des Todes. Wir fragen uns: durch was kann denn – wir wollen die Frage heute in abstracto beantworten, in den nächsten Tagen wird es in concreto geschehen – der Mensch eine solche Unabhängigkeit erlangen von dem physischen Leibe, durch was kann er sich in einen Zustand versetzen, der dem Momente des physischen Sterbens in bezug auf die Erkenntnis ähnlich wird? Einzig und allein dadurch kann er sich in einen solchen Zustand versetzen, daß er gewisse Empfindungen und Empfindungsnuancen ausbildet, welche die Seele so ergreifen, daß in einer gewissen Beziehung diese Empfindungen und Empfindungsnuancen durch ihre Kraft den ätherischen Leib packen und ihn herausheben aus dem physischen Leibe. Es müssen also so starke Empfindungsimpulse, Gedankenimpulse und Willensimpulse in der Seele wirken, daß eine innerliche Kraft da ist, welche den Ätherleib frei macht vom physischen Leibe für gewisse Augenblicke. Nicht aber durch äußere physische Maßnahmen kann so etwas in unserem Zeiträume der Menschheitsentwickelung herbeigeführt werden. Derjenige, der glauben würde, daß man solche Dinge durch physische Maßnahmen herbeiführen kann, der würde sich eben einer gewaltigen Täuschung hingeben. Er würde in die geistigen Welten hinein wollen und dennoch bei den Hantierungen, bei den Tatsachen der physischen Welt bleiben wollen, das heißt er wäre noch nicht gekommen bis zu einem wirklichen Glauben an die Kraft der geistigen Welten. Es müssen lediglich innere Vorgänge sein, Vorgänge des starken, des energischen Seelenlebens, die diesen Zustand herbeiführen. 

Anmerkung RS:  Es muß bei diesen Schilderungen überall darauf geachtet werden, daß mit ihnen nur seelische Vorgänge gemeint sind, die mit einem Übergehen in Pathologisch-Organisches so wenig zu tun haben wie die mathematischen Formulierungen, und die trotzdem nicht bloß formaler Natur sind wie die letzteren, sondern denen eine geistige Realität entspricht. Zur gewöhnlichen Hellseherei verhalten sie sich wie das Positive zu dem Negativen. 

Und wenn wir im Abstrakten bleiben, so können wir heute vorläufig sagen: das Wesentlichste zur Herbeiführung eines solchen Zustandes besteht darin, daß der Mensch eine Umwandlung, gleichsam eine Umstülpung seiner Interessensphäre erlebt. Für das gewöhnliche Leben ist der Mensch ausgestattet mit gewissen Interessen. Sie wissen, daß diese Interessen vom Morgen bis zum Abend spielen. Der Mensch – und er hat damit ganz recht, denn er muß in dieser Welt leben – interessiert sich für dasjenige, was auf seine Augen, seine Ohren, auf seinen physischen Verstand, auf seine physischen Empfindungen und so weiter wirkt; er interessiert sich für dasjenige, was in der Außenwelt ihm entgegentritt; er hat für das eine mehr, für das andere weniger Interesse; er widmet dem einen mehr, dem anderen weniger Aufmerksamkeit; das ist so natürlich. Und in diesen auf- und abwogenden Interessen, die ihn fesseln mit gewissen Anziehungskräften an den Teppich der Außenwelt, lebt der Mensch, lebt ja wahrhaftig ganz allein die weitaus größte Mehrzahl der gegenwärtigen Menschen. Es gibt nur eine Möglichkeit, daß der Mensch unbeschadet der Frische und Lebendigkeit dieser äußeren Interessen doch Momente im Leben herbeiführt, in denen diese äußeren Interessen gar nicht wirken; in denen ihm, wenn man radikal die Sache ausdrücken will, die ganze äußere Sinneswelt absolut gleichgültig wird; in denen er alle Interessenkräfte, die ihn an dieses oder jenes in der sinnlichen Welt fesseln, abtötet. Falsch wäre es, wenn der Mensch sich nicht aufsparen würde diese Abtötung der Interessen für die Außenwelt für gewisse Feiertagsaugenblicke des Lebens, sondern diese Abtötung auf das ganze Leben ausdehnen würde. Ein solcher Mensch würde unfähig werden, mitzuarbeiten an der Außenwelt; wir sind aber berufen, in unserem Leben an der Außenwelt und an ihrer Arbeit mitzuwirken. Wir müssen es uns daher für Feiertagsaugenblicke aufbewahren und aufsparen, alle äußeren Interessen für die Umwelt in uns ersterben zu lassen, und wir müssen uns sozusagen diese zwiefache Natur erobern, daß wir auf der einen Seite in der Lage sind, lebendig und frisch an allem teilzunehmen, was da draußen an Freude und Schmerz, an Lust und Unlust, an blühendem, sprossendem und an ersterbendem Leben sich abwickelt, und daß wir dazu die andern Interessen fügen. Die Frische und Ursprünglichkeit des Interesses für die Außenwelt müssen wir uns für unser Erdenleben wach erhalten; wir dürfen nicht Fremdlinge werden auf der Erde, denn dadurch würden wir nur aus dem Egoismus heraus handeln und würden unsere Kräfte rauben dem Schauplatz, dem sie gewidmet sein sollen innerhalb unserer gegenwärtigen Entwickelung. Aber wir müssen auf der anderen Seite, damit wir hinaufsteigen können in die höheren Welten, uns die andere Seite der Natur ausbilden, die darin besteht, daß wir in Feiertagsaugenblicken des Lebens die Interessen für die Außenwelt ertöten, ersterben lassen. Und wenn wir Geduld und Ausdauer, wenn wir Energie und Kraft haben, solange als es unser Karma fördert, uns zu üben in diesem Abtöten der Interessen für die Umwelt, wenn wir uns genügend darin üben, so wird zuletzt durch diese Abtötung des Interesses an der Außenwelt eine starke, energische Kraft in unserem Innern frei. Was wir auf solche Art in der Außenwelt ertöten, lebt im höheren Maße in der Innenwelt auf. Wir erfahren eine ganz neue Art des Lebens, wir machen jenen Moment durch, wo wir uns sagen können: das ist ja nur ein Teil des gesamten Lebens, was wir sehen können durch die Augen und hören durch die Ohren. Es gibt ein völlig anderes Leben, ein Leben in der geistigen Welt; eine Auferstehung in der geistigen Welt, ein Hinausschreiten über dasjenige, was man sonst das Leben nennt, ein Hinausschreiten, so daß nicht der Tod eintritt, sondern ein höheres Leben resultiert. Wenn dann diese rein geistige Kraft in unserem Innern stark genug geworden ist, dann können wir die Momente nach und nach erleben, wo wir Herrscher und Herr werden über unseren Ätherleib, wo dieser Ätherleib nicht diejenige Form annimmt, die ihm die Spannkräfte von Lunge und Leber aufnötigen, sondern jene Form, die wir ihm aufnötigen von oben herunter durch unseren astralischen Leib. Dann prägen wir unserem Ätherleib die Form ein, die wir zuerst durch Meditation und Konzentration und so weiter dem Astralleib eingeprägt haben; dann drücken wir die plastische Form des astralischen Leibes im Ätherleib ab, und wir steigen auf von der Vorbereitung zur Erleuchtung, zu der nächsten Stufe der hellseherischen Forschung. Die erste Stufe, durch welche wir unseren astralen Leib umwandeln so, daß er Organe erhält, sie nennt man auch die Reinigung oder Läuterung aus dem Grunde, weil dieser astralische Leib gereinigt wird von den Kräften der Außenwelt, und inneren Kräften sich fügt. Diejenige Stufe aber, auf welcher es diesem astralischen Leib gelingt, seine Form einzuprägen dem Ätherleib, diese Stufe ist damit verknüpft, daß es um uns herum geistig hell wird, daß die geistige Welt um uns herum offenbar wird, daß die Erleuchtung eintritt.

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