Ich werde heute weniger zu sprechen haben von der Art und Weise, wie man sich dieses exakte Hellsehen erwirbt. Ich werde das Entsprechende gelegentlich erwähnen, denn ich habe bereits in den erwähnten vorigen Vorträgen von den Methoden gesprochen, durch die man zur exakten Clairvoyance kommt, und man kann sich über diese Methoden unterrichten namentlich aus dem Buche, das ins Englische übersetzt ist und das im Englischen eben den Titel trägt: «The Way of Initiation.» Dagegen möchte ich zunächst heute darauf aufmerksam machen, wodurch dem Menschen im gewöhnlichen Leben versagt ist, einzudringen in die höheren Welten. Das ist ihm vor allen Dingen dadurch versagt, daß er nur immer im gegenwärtigen Augenblicke die Welt wahrnehmen kann. Durch unsere Augen können wir nur im gegenwärtigen Augenblicke die Welt und ihre Erscheinungen sehen. Durch unsere Ohren können wir nur im gegenwärtigen Augenblicke Töne hören. Und so ist es mit allen unseren Sinnen. Alles, was zunächst die Vergangenheit unseres eigenen Erdenlebens ist, können wir nur in der Erinnerung wissen, das heißt in abgeblaßten Gedanken. Man vergleiche nur einmal, wie lebendig, wie konkret dasjenige war, was wir im Dasein vor zehn Jahren durchgemacht haben, und wie blaß, schattenhaft der Gedanke ist, mit dem wir uns heute daran erinnern. Und so ist alles, was über den gegenwärtigen Augenblick hinausgeht, für das gewöhnliche Bewußtsein des Menschen so, daß es in ihm nur in der schattenhaften Erinnerung leben kann. Aber diese schattenhafte Erinnerung kann zu einem höheren Leben angefacht und angefeuert werden. Und das geschieht durch diejenigen Methoden, die ich, wie gesagt, heute weniger erörtern will, durch die Methode der Meditation in Gedanken, der Konzentration auf Gedanken, der Selbsterziehung und so weiter. Derjenige, der solche Methoden auf sich anwendet, wodurch er lernt, in Gedanken ebenso intensiv zu leben, wie man sonst nur in den äußeren Sinneseindrücken lebt, der erlangt eine gewisse Fähigkeit, die darinnen besteht, daß er nicht nur im gegenwärtigen Augenblicke die Welt betrachten kann. Solche Übungen, welche dazu führen, daß man nicht nur im gegenwärtigen Augenblicke die Welt betrachten kann, müssen allerdings lange Zeit, je nach den betreffenden Anlagen des Menschen, in sorgfältiger und systematischer, eben in exakter Meditation und Konzentration ausgeführt werden. Manche Menschen bringen gerade in der gegenwärtigen Zeit die Fähigkeit, die man auf diese Weise ausbilden kann, schon bei ihrer Geburt mit. Das heißt, sie ist nicht gleich bei der Geburt so da, daß sie offenbar werden kann, aber sie tritt aus dem Inneren hervor in einem gewissen Zeitpunkte des Lebens, und man weiß, man hätte sich sie nicht im gewöhnlichen Leben erworben, wenn man sie nicht schon durch die Geburt mitgebracht hätte. Diese Fähigkeit besteht darin, daß man in den Gedanken drinnen so leben kann, wie man sonst durch seinen Körper in der sinnlichen Welt lebt. Man nehme eine solche Aussage nicht allzu leicht. Man bedenke, daß der Mensch alles das, wodurch er sich selbst ein Dasein zuschreibt, seinem Miterleben mit der Sinneswelt verdankt. Wenn der Mensch so weit kommt, daß er, ohne daß er sich auf die Eindrücke der Augen, der Ohren, auf die Eindrücke anderer Sinne verläßt, dennoch ein inneres Leben entwickelt, das nun innerlich intensiv ist, wie sonst nur das Leben der Sinne, ein inneres Leben, das nicht bloß in schattenhaften Gedanken lebt, sondern in innerlich lebendigen Gedanken, daß man die Gedanken so erlebt, wie man sonst nur die Sinneseindrücke erlebt, dann erlebt man allerdings ein zweites Dasein, dann erlebt man ein anderes Selbstbewußtsein. Man erlebt geradezu dasjenige, was ich nennen mochte: Aufwachen, nicht außerhalb des Leibes, sondern im Innern des Menschen zu einem Leben erwachen, trotzdem der physische Leib so ruhig und durch die Sinne so unempfänglich ist, wie er sonst nur im Schlafe ist. Wenn wir in uns selbst hineinschauen, finden wir, daß wir eigentlich nur dasjenige wissen im gewöhnlichen Leben, was wir durch die Sinne aufgenommen haben. Wir wissen von unserem eigenen Inneren durch unmittelbare Wahrnehmungen nichts. Wir können durch das gewöhnliche Bewußtsein nicht hineinschauen in unsere innere Organisation. Wenn wir ein Selbstbewußtsein im reinen Denken erwerben, dann lernen wir ebenso nach innen schauen, wie wir sonst nach außen schauen können. Dann fühlen wir etwa das Folgende: Wenn wir sonst nach außen schauen, muß die Sonne oder ein Licht da sein, welches seine Strahlen wirft auf die Gegenstände um uns her. Durch dieses Licht, das außer uns ist, sehen wir die Gegenstände um uns her. Wenn wir uns bewußt werden in diesem zweiten Dasein im reinen Denkprozesse, der aber dann ein Anschauungsprozeß ist, der so farbig und intensiv ist wie sonst die Sinneswahrnehmung, dann empfinden wir gewissermaßen – ja, nicht nur gewissermaßen, sondern im eigentlichen Sinne, nur ist der Sinn geistig gemeint – wir empfinden ein inneres Licht, ein Licht, durch das wir in unser eigenes Inneres so hineinleuchten, wie wir sonst die Gegenstände beleuchtet bekommen durch die äußeren Lichter. Deshalb kann man diesen Zustand des menschlichen Erlebens eine Clairvoyance, ein Hellsehen nennen. Und dieses Hellsehen bei dem erwachten Selbstbewußtsein im Geiste, dieses Hellsehen bringt zunächst die Fähigkeit hervor, daß man in jedem Momente, den man auf Erden erlebt hat, wiederum drinnen sein kann.
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