Rudolf Steiner: Da muß der Blitz des Willens unmittelbar in das Denken selber einschlagen 

(GA 217 S. 78)

Die andere war die, daß man sich unmittelbar bewußt wurde: Wir stehen mit dem Verluste der alten Intuitionen dem Nichts gegenüber. – Also was tun? In diesem Nichts das All suchen! Aus diesem Nichts heraus etwas suchen, was einem nicht gegeben wird, was man erarbeiten muß. Und erarbeiten konnte man nicht mehr mit den passiven Kräften, die da waren, sondern nur noch mit den stärksten Erkenntniskräften, die in diesem Zeitalter dem Menschen zur Verfügung standen: mit den Erkenntniskräften des reinen Denkens. Denn beim reinen Denken geht das Denken unmittelbar in den Willen über. Beobachten und denken können Sie, ohne Ihren Willen sehr anzustrengen. Experimentieren und Denken geht nicht in den Willen über; aber reines Denken, also elementare, ursprüngliche Aktivität entfalten, dazu gehört Energie.

Da muß der Blitz des Willens unmittelbar in das Denken selber einschlagen. Da muß der Blitz des Willens aber auch aus der ganz singulären menschlichen Individualität herauskommen. Und da mußte man schon einmal den Mut haben, an dieses reine Denken zu appellieren, das auch zum reinen Willen wird. Dieser wird aber zu einer neuen Fähigkeit: der Fähigkeit, aus der unmittelbaren menschlichen Individualität heraus moralische Impulse zu gewinnen, die nun erarbeitet werden müssen, die nicht mehr wie die alten gegeben sind. An Intuitionen mußte appelliert werden, die erarbeitet werden! Und das Zeitalter kennt ja dasjenige, was der Mensch im Innern erarbeitet, unter keinem anderen Namen als unter dem der Phantasie. Also mußten in diesem Zeitalter, das ohnedies diese innere Arbeit mundtot gemacht hat, aus der moralischen Phantasie die künftigen moralischen Impulse geboren werden; das heißt, der Mensch mußte verwiesen werden von der bloß poetischen, künstlerischen Phantasie auf eine produktive moralische Phantasie.   

 

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