Ich bin in den letzten Vorträgen auf das Wesen des Menschen so eingegangen, daß ich glauben kann, die Betrachtungen, die da angestellt worden sind, können auch für diejenigen verehrten Besucher verständlich sein, die uns jetzt die Freude machen, zum Lehrerkurs hier zu sein. Und ich habe im Beginne dieser Betrachtungen ja schon bemerkt, daß das, was ich sage, in vieler Beziehung für die «erleuchteten Anthroposophen» eben eine Art Wiederholung sein muß. Nun möchte ich heute in diesen Betrachtungen insofern fortfahren, als ich nach einer kurzen Wiederholung wesentlicher Punkte übergehen werde zu dem, was sich dann an den vorigen Vortrag anschließt. Ich habe bemerklich gemacht, wie der Mensch für die äußere Anschauung, für dasjenige, was der Sinnesbeobachtung gegeben ist, was dann der Verstand aus den Sinnesbeobachtungen vielleicht auch mit Hilfe des Experimentes kombinieren kann, wie der Mensch für all das zunächst nur seinen physischen Leib offenbart. Zugrunde liegt nun diesem physischen Leibe das, was man den Äther- oder Bildekräfteleib nennen kann, eine feinere Menschheitsorganisation, gewissermaßen ein zweiter Mensch im Menschen. Wie kommt man zu einer wirklichen Anschauung dieses zweiten Menschen? Es ist – das muß immer wieder betont werden – eigentlich gar nicht einmal so besonders schwierig, zu einer wirklichen Anschauung dieses zweiten Menschen zu kommen, die ebenso gültig vor einem steht wie das, was die Sinne beobachten und was der Verstand kombinieren kann. Man muß nur – weil der Mensch in der heutigen Zeit nicht so stark, wie das in früheren Zeiträumen der Menschheitsentwickelung der Fall war, in dem Gedankenelemente selber lebt, sondern sich in dem Gedankenelement mehr einem passiven Verhalten hingibt und Eindrücke erwartet von der Sinneswelt – man muß nur durch Übungen dieses Gedankenelement verstärken. Gewiß, der Mensch hat auch heute Gedanken, aber er kann kaum zu einer wirklichen Einsicht in die Wesenheit des Denkens, der Denktätigkeit kommen, weil er ganz und gar gewöhnt ist, in seine Gedanken sogleich einfließen zu lassen, wenn er erwacht, die äußeren Sinneseindrücke; weil er eigentlich nur auf diese äußeren Sinneseindrücke etwas gibt. Er kommt dadurch zwar dazu, für seine Gedanken einen Inhalt zu haben, nämlich den äußeren Sinnesinhalt; aber er kommt nicht dazu, die eigene Tätigkeit des Denkens zu fühlen, zu empfinden. Dies wird für den heutigen Menschen eben durch solche Übungen erreicht, wie ich sie besprochen habe zum Beispiel in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Solche Übungen verlangen vom Menschen, daß er gewissermaßen sich mit seinem ganzen Wesen in die Denktätigkeit hineinversetzt, daß er sich hingibt mit aller inneren Gewalt dem Denken, und daß ihm bei diesem Denken dann gleichgültig ist, was die äußeren Sinne ihm überliefern, daß er also ganz bewußt nur in der Denktätigkeit lebt. Helfen kann einem viel zu dieser inneren Denkübung, wenn man sich einmal mit Mathematik beschäftigt hat, namentlich mit Geometrie. Diese Denktätigkeit, die man in der Geometrie auszuüben hat, braucht man nur – ich möchte sagen durch einen mächtigen Ruck in das eigene Wesen – in ihrer Selbständigkeit, in ihrer Bildhaftigkeit, in ihrem inneren Leben und Weben zu erfahren, dann hat man schon, wenn man ein Dreieck aufzeichnet, eben ein Erleben der Aktivität des Denkens. Sie können ja allerdings ein Dreieck auf die Tafel zeichnen. (Es wird gezeichnet.) Aber ist das ein Dreieck? Das, was auf der Tafel steht, ist kein Dreieck, das ist eine große Anzahl von Kreideklümpchen, die da an der schwarzen Tafel kleben, die man sogar, wenn man ein hinreichend starkes Mikroskop hätte, abzählen könnte. Das ist ja kein Dreieck. Es ist ein Unsinn zu glauben, daß da auf der Tafel das Dreieck ist. Das Dreieck können Sie nur in Ihrer Seele haben, in dem Gedanken, den Sie sich an der Hand dieser Kreideklümpchen, die da an der Tafel kleben, machen. Und wenn Sie auch absehen von den Kreideklümpchen, die an der Tafel sind – Sie können meinetwillen recht oft diese Tafelbeschmiererei mit Kreide gemacht haben —, dann können Sie, ohne daß Sie eine Tafel haben, wenn Sie einfach sitzen oder stehen, selbst ohne einen Finger zu bewegen, bloß in Gedanken die Vorstellung des Dreiecks haben, und dann können Sie verfolgen, wie Sie – aber alles nur in Gedanken – hier anfangen einen Strich zu ziehen, dann einen zweiten, dann einen dritten. Sie können leben in dieser inneren Tätigkeit, ohne daß Sie irgend etwas da außen machen. Sie können immer mehr und mehr solche Übungen machen, insbesondere auch kompliziertere Übungen. Zum Beispiel denken Sie sich einmal, Sie haben hier noch einmal die Tafel beschmiert mit roten Kreideklümpchen und beschmieren sie jetzt mit grünen Kreideklümpchen. Und jetzt mache ich noch einmal die Schmiererei, und Sie machen meinetwillen das Folgende: Sie haben sich an diesen beiden Figuren veranschaulicht, was Sie innerlich machen sollen, und jetzt stellen Sie sich vor, schnell nur, geradeso, wie Sie vorhin das Dreieck in Gedanken gezeichnet haben: das Rote wächst in das Grüne hier hinaus, hört hier auf, und das Grüne schiebt sich unter dem Roten durch, so daß aus dieser Figur diese Figur entsteht, und diese Figur aus jener – bloß im Denken. Da haben Sie das Rote in der Mitte, das Grüne ringsherum. Jetzt stellen Sie sich vor: das Rote wächst, das Grüne zieht sich zusammen. Nun haben Sie vor sich den grünen Kreis zusammengezogen, das Rote hier herum, das rote Rad; jetzt wiederum umgekehrt: das Rote schiebt sich herein, das Grüne dehnt sich aus, und das lassen Sie abwechseln, ganz in rhythmischer Folge, indem innerlich ein Kreis ist, außen ein Rad: rot, grün; grün, rot; rot, grün; grün, rot. Sie stellen sich das vor, ohne daß Sie irgendwie nötig haben, etwas äußerlich zu tun. Da werden Sie allmählich gewahr werden, daß Denken heißt: geradeso innerlich etwas tun, wie etwas äußerlich tun heißt, seine Hand gebrauchen, seinen Arm gebrauchen. Wenn Sie Ihren Arm gebrauchen, das spüren Sie. Nun müssen Sie spüren lernen, was es heißt: die Gedankenkräfte gebrauchen. Wenn Sie Ihre Arme gebrauchen und spüren, so erleben Sie Ihren physischen Leib. Wenn Sie anfangen, in dieser Weise Ihre Gedanken zu gebrauchen, so spüren Sie Ihren zweiten Menschen, Ihren Ätherleib, Ihren Bildekräfteleib. Sobald Sie wirklich das so weit gebracht haben, daß Sie sich nur einen Ruck zu geben brauchen, um überzugehen vom Armbewegungen-Spüren, Beinbewegungen-Spüren zum Spüren der inneren Denkkräfte, in diesem Augenblicke erleben Sie Ihren zweiten Menschen, Ihren Äthermenschen, Ihren Bildekräftemenschen. Aber Sie erleben ihn so, daß er eigentlich ganz aus Gedanken gewoben ist. Und in diesem Augenblick wird Ihnen zugleich Ihr ganzes Erdenleben wie gegenwärtig. Wie in einer einzigen Überschau sehen Sie Ihr ganzes Erdenleben zurück bis in die erste Kindheit hinein. Was Sie da als den zweiten Menschen erleben, ist eben nicht ein Raumesleib, ist ein Zeitleib. Und man kann, das sagte ich schon in diesen Vorträgen, wenn man den physischen Menschen zeichnet, dann hineinzeichnen diesen Zeitleib. Aber es ist nur eine Phase festgehalten, also so, wie wenn man eine Phase des Blitzes festhält. Dieser Bildekräfteleib lebt nicht im Räume; er lebt nur für einen Augenblick im Räume. Im nächsten Augenblick ist er etwas anderes. Er ist in fortwährendem Fluktuieren, in fortwährender Veränderung. Und diese Veränderung erlebt man als das Lebenstableau. Aber zu gleicher Zeit damit erlebt man, daß man nun sich als einen Teil des ganzen Universums fühlt, daß man nicht mehr der Meinung ist, man sei in seiner Haut abgeschlossen, sondern daß man selbstverständlich zu der Meinung kommt, man fluktuiere innerhalb des ganzen Universums, man ist eigentlich nur eine Welle im ätherischen Universum.
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