Woran liegt es, daß der Esoteriker, auch wenn er sich jahrelang in Konzentration und Meditation geübt hat, noch immer nicht zu einem Sehen in den höheren Welten gelangt ist? Um diese Frage deutlich zu beantworten, wollen wir uns einmal vorstellen, was eigentlich meditieren ist. Wenn wir meditieren wollen, haben wir den Willen, uns von den äußeren Dingen abzuwenden, wir wünschen, daß sie keinen Einfluß mehr auf unsere Gedanken ausüben sollen, sie sollen uns nicht stören in unserer Hingabe an das Geistige. Doch fortwährend schieben sich die äußeren Ereignisse und die Gedanken darüber vor unsere meditierende Seele, sie wollen uns von unserer Meditation abwenden, sie wehren sich gegen unsere Hingabe, so daß wir mit unserer äußersten Willenskraft dagegen kämpfen müssen. Wollen wir untersuchen, wer nun eigentlich gegen unseren besseren Willen sich wehrt, kann das folgende Beispiel uns vielleicht einige Klarheit geben. Nehmen wir an, daß ein Fremder sich uns näherte und zu uns sagen würde: «Sie sind ein flatterhafter Mensch.» In neunundneunzig von hundert Fällen würden wir darüber sehr verstört sein, denn wir hatten bis jetzt gemeint, ein sehr guter Esoteriker zu sein, der sein eigenes Innere, was seine Fehler anbelangt, ernsthaft durchsucht hat, und nun kommt ein Fremder und behauptet das Gegenteil.
Genauso, wie der Fremde sich vor uns stellt, so tritt in all den Gedanken, die sich zwischen unsere Meditation schieben, auch etwas vor uns hin, von dem wir meinen, es nicht zu kennen und doch ist es unser eigenes Selbst, das sich in all diesen Gedanken offenbart und das uns zeigt, wie flatterhaft wir eigentlich sind und wie wenig wir uns losmachen können von unseren täglichen Besorgnissen und Begierden. Denn was da immer in uns eindringt während unserer Meditation, wo wir doch den Wunsch haben, uns von den äußerlichen Dingen abzusondern und uns mit dem Geistigen zu verbinden, ist unser strömendes Begierdenleben. In den Bildern unseres täglichen Lebens strömt es unaufhörlich in unser Denken ein und wehrt sich, wenn wir uns mit dem geistigen Gebiet in Verbindung setzen wollen.
Daß dies der Fall ist, kann zu unserm Wohl sein, da wir uns in all diesen Bildern und Gedanken selbst kennenlernen in unserm fortwährend einfließenden Begierdeleben; es muß uns zur Selbsterkenntnis bringen, die wir bis jetzt sehr flüchtig geübt haben. Aber meistens werden wir noch nach allerlei Entschuldigungen suchen, denn wir wollen uns selber nicht anklagen, und das ist der Grund, warum der Blick in die geistige Welt noch immer uns verschlossen bleibt; unser Begierden-Ich zieht einen Schleier davor. Würden wir unsere Aufmerksamkeit mehr von den Ereignissen und Erfahrungen unseres Begierdelebens abwenden, würden wir unser Ich zum Geistigen wenden und unsere ganze Andacht darauf richten, dann würden wir schon längst Erfolg gehabt haben. Würden wir, um ein triviales Beispiel zu verwenden, nur so viel Aufmerksamkeit auf unsere Meditation wenden, wie man sie für Gespräche allerlei Art, die man in Gesellschaften führt, oder auch für Neuigkeiten über seine lieben Mitmenschen verwendet, so würden wir schnell vorwärts gehen in unserer Kenntnis der höheren Welten, wir würden dann unser sich wehrendes Ich zurückstoßen.
Was sind unsere Gedanken anderes als Erinnerungen von früheren Ereignissen, und diese Ereignisse sind nichts anderes als unsere Begierden, die wir empfunden haben. Wären sie uns nicht zum Genuß geworden, dann würden wir sie nicht in unserer Erinnerung aufbewahrt haben. Man untersuche nur sein Gedächtnis, und man wird finden, daß alles, was man am meisten als Genuß empfunden hat, in ihm eingegraben ist. Alles, was uns gleichgültig geblieben ist, was uns nicht besonders interessiert hat, wovon wir sozusagen nichts genossen haben, ist aus unserem Gedächtnis verschwunden, genauso, wie das zur Schule gehende Kind sich in späteren Jahren nicht mehr an die kleinen Besonderheiten seines Unterrichtsstoffes erinnert, weil wir uns in unsern Schuljahren meistens nicht so sehr für den Unterrichtsstoff interessieren, und darum drückt er sich nicht so tief in das Gedächtnis ein.
Was wir auch notwendig für unsere esoterische Entwicklung anwenden müssen, ist Hingabe. Nicht die Methode muß es sein, die wir in der Meditation anwenden, auch nicht der Wunsch soll uns leiten, nun recht viel zu meditieren, damit wir viele Erlebnisse in der geistigen Welt haben werden; das alles soll uns nicht berühren, wir würden damit nur unsere eigenen Wünsche sehen, denn hier würde Luzifer die Herrschaft über uns erlangen. Wir kommen nicht so bequem von dieser Welt Luzifers und Ahrimans ab. Wenn wir glauben, gründliche Selbsterkenntnis geübt zu haben, dabei aber noch nach Entschuldigungen suchen, dann ist das Ahriman, der neben uns steht. Ebensosehr ist es Ahriman, wenn wir nach Entschuldigungen suchen, wenn jemand uns sagt: dies oder jenes hast du schlecht gemacht. Wir haben Ahriman und Luzifer zu lieb, sie begleiten uns durch unser ganzes Leben, gerade weil wir sie so sehr lieb haben. Und warum haben wir sie so lieb?
An einem Beispiel soll versucht werden, dies deutlich zu machen. Wodurch beruhigt eine Mutter ihr weinendes Kind? Dadurch, daß sie es liebkost und sein Gesichtchen streichelt, was auf jeden Fall ein angenehmes körperliches Gewahrwerden bei dem Kinde hervorruft. Nun müssen wir wissen, wodurch Ahriman und Luzifer sich dem Menschen offenbaren und beliebt machen, nämlich weil sie uns mit den Dingen der Welt um uns herum in Berührung bringen, der Welt, in der wir unseren Genuß suchen und dessen Befriedigung uns so angenehm ist.
Durch die Lichtstrahlen, die sie auf die Objekte fallen lassen und die dann wiederum von den Dingen auf uns zurückstrahlen, durch diese Strahlberührung fühlen wir einen eben angenehmen Reiz, so wie das weinende Kind gefühlt hat bei der liebkosenden Berührung der Mutter. Luzifer und Ahriman streicheln uns durch das Zaubern der Lichtstrahlen über die Dinge der Welt und unsere Augen werden durch die Berührung mit den Strahlen die Dinge gewahr.
Vor allem bringen sich diese Mächte zur Geltung auch in der gegenwärtigen Wissenschaft und in der Philosophie, wie z. B. in einem Gespräch eines Schülers von Schopenhauer mit Nietzsche. Deussen behauptet gegenüber Nietzsche, daß die Willensverneinung das Leben bedingt, während Nietzsche sagte, daß Lebensveredelung zum Leben führt. Wenn man nun den ersten Ausspruch genau ins Auge fassen und darüber nachdenken würde, würde man sagen müssen, daß sie (die Willensverneinung) nicht zum Leben führt, sondern zum Tode, denn ein Säufer, ein Vagabund, der die Willensverneinung des Lebens auslebt in seinen Begierden und sie nicht im Zaum hält, der jeden Genuß bejaht, der ihm im Leben geboten wird, der wird das Leben nicht erlangen, sondern er wird einen vorzeitigen Tod finden, während der Mensch, der nach Willensveredlung strebt, die Kräfte eines gesundmachenden Keimes, mit dem sich seine Strahlen verbinden, ausstrahlt; er wird dem Leben zustimmen in Gesundheit. Mit diesem philosophischen Ausspruch von Deussen haben Gelehrte gemeint, durch eine scharfe Brille geschaut zu haben, während sie doch nur durch eine Brille mit hölzernen Gläsern gesehen haben. Wir sehen auch hier, daß sich Ahriman wieder vor den Menschen stellt, denn wir selber lassen ihn nicht los in allen Angelegenheiten des Lebens, so lieb haben wir ihn. Es ist nötig, uns dies alles deutlich zu machen, denn wir müssen mit offenen Augen Luzifer und Ahriman in all unserm Tun und Lassen erkennen, und namentlich dort, wo diese beiden Mächte sich vor unsere Meditation stellen wollen, um uns den Blick in die geistige Welt zu verwehren, denn der Augenblick ist angebrochen, daß wir danach streben müssen, uns zur geistigen Erkenntnis zu entwickeln durch das Formen von geistigen Organen des Hellsehens in uns, damit diese Organe nicht vertrocknen und sich verzehren. Langsam und allmählich müssen wir im Geistigen wachsen, aus dem wir geboren sind: Ex Deo nascimur.
Im Beginne unseres Lebens, das seinen Ursprung in der Gottheit hat, waren wir noch durchdrungen von den göttlich-geistigen Kräften; sie wirken noch am Kinde bis zum Zahnwechsel, in den Milchzähnen wirken sie noch. Mit dem siebenten Jahr ist der Zahnwechsel abgelaufen, und die neuen für dieses Leben bestimmten Zähne treten hervor. So erneuert sich alles beim Menschen, das Alte wird durch das Neue abgestoßen, die Haare fallen aus und neue kommen an ihre Stelle, die Nägel werden abgeschnitten, und sie wachsen wieder. Mit dem Ausfall der ersten bzw. der Milchzähne beim Kind haben die geistigen Kräfte, die an dem Aufbau, an dem Wachstum des Kindes gewirkt haben, ihr Ende erreicht und nun beginnen andere Kräfte oder Wesen an dem Aufbau für die gegenwärtige Inkarnation zu arbeiten, aber mit dem Aufbau beginnt auch sofort der Zerfall, das Absterben der Organe. Sie gehen allmählich dem Tode entgegen, denn sogar jeder Gedanke, den der Mensch denkt, verursacht Vernichtung in den Gehirnzellen beziehungsweise das Stoffliche ist einem langsamen Absterben geweiht: In Christo morimur.
Langsam wachsen wir zum Geistigen hin. Unsere Haare werden weiß, all unsere Organe gehen langsam in das Geistige über, unser ganzer Körper strebt nach Vergeistigung, er wird im Geiste wieder erstehen: Per Spiritum Sanctum reviviscimus.
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