Ich glaube, Sie können von dem, was ich jetzt eigentlich meine, etwas nachempfinden, wenn Sie einmal Novalis aufschlagen und in den Aphorismen von Novalis wahrhaftige Hymnen finden, zum Beispiel auf die Mathematik, auf die reine Mathematik, die er ein großes Gedicht nennt, ein wunderbares Gedicht, eine wunderbarste Phantasieschöpfung. Ich weiß nicht, wie viele Menschen dem Novalis in der Gegenwart dies nachfühlen, aber man kann es ihm nachfühlen. Man kann es ihm nachfühlen, wenn man weiß, daß eben Novalis eine Ahnung davon hatte, wie die Mathematik plötzlich zu etwas Wunderbarem wird, wenn man sie nicht bloß anwendet auf die äußere Sinnenwelt, wo sie rein formalistisch wird, sondern sie hinaufträgt in die geistige Welt, sie von Imaginationen der geistigen Welt erfüllen läßt. Denn wendet man sie an auf die äußere Sinnenwelt, so gefällt einem wirklich alles Reden von dieser Sinnenwelt nicht. Man redet gar nicht mehr von dieser wirklichen Welt, man redet eigentlich von etwas ganz Närrischem. Man kann, wie gestern bemerkt worden ist, gar nicht ohne Verlogenheit ein solches Weltbild aufstellen, denn es ist dabei keine Rücksicht genommen auf das, was man sonst im Leben wirklich vorstellt. Man wirft alles heraus, als wäre es nicht da. Man kann gar nicht solch eine Welt, die nicht rot und nicht blau ist, nicht warm und nicht kalt, die nicht dick und nicht dünn ist, die nicht laut und nicht stumm ist, man kann sie gar nicht vorstellen in Wirklichkeit. Man kann sie errechnen, aber man kann sie nicht vorstellen. Man verwandelt die ganze Welt in einen leeren Formalismus.
Das hört sofort auf, wenn man diese Mathematik hinaufträgt in die geistige Welt. Da wird es offenbar, da wird es zu etwas Großem. Und nun, sehen Sie, ist die Welt heute an dem Scheideweg. Sie soll auf der einen Seite aufhören damit, dieses formalistische Weltbild auszubauen, denn das ist nichts anderes als eine ausgepreßte Zitrone, und sie soll sich bequemen, auf einem anderen Wege wiederum zu einem geistigen Inhalte zu kommen, nicht Atome und ihr Weben auszusinnen, sondern in den Phänomenen, die rings um uns herum sind, den Geist zu suchen. Das sollten wir. Wir sollten beweglich werden, wir sollten eindringen können in das Organische.
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