Die „Philosophie der Freiheit“ und die ätherischen Bildekräfte

von Ingo Hagel

In seiner „Philosophie der Freiheit“ beschreibt Rudolf Steiner die grundlegende erkenntnistheoretische Problematik, von etwas Beobachtetem zu dessen gedanklicher Durchdringung überzugehen –  

also zu einem ganz anderen Erlebnisbereich – 

und er führt aus, dass diese Problematik bei der – 

denkenden! – anders geht es ja nicht –

Beobachtung des Denkens wegfällt (GA 4 S. 48):

Wenn ich einen ohne mein Zutun gegebenen Gegenstand in mein Denken einspinne, so gehe ich über meine Beobachtung hinaus, und es wird sich darum handeln: was gibt mir ein Recht dazu? Warum lasse ich den Gegenstand nicht einfach auf mich einwirken? Auf welche Weise ist es möglich, daß mein Denken einen Bezug zu dem Gegenstande hat? Das sind Fragen, die sich jeder stellen muß, der über seine eigenen Gedankenprozesse nachdenkt. Sie fallen weg, wenn man über das Denken selbst nachdenkt. Wir fügen zu dem Denken nichts ihm Fremdes hinzu, haben uns also auch über ein solches Hinzufügen nicht zu rechtfertigen.  

 

Anschließend daran zitiert Rudolf Steiners dieses so „absurd“ erscheinende 

Zitat des Philosophen Schelling (GA 4 S. 48):

Die Natur erkennen, heißt die Natur schaffen.         

Absurd“ nennt Rudolf Steiner dieses Zitat mehrmals, zum Beispiel hier –  

Nun, nicht wahr, dasjenige, was einem zuerst auffallen muß, wenn jemand, der ein genialischer Mensch ist, einen solchen Ausspruch tut, das ist ja die ganz offenbare Absurdität dieses Ausspruches. –

Ich werde unten darauf zurückkommen. – 

Denn dieser Satz des genialischen Philosophen Schelling ist

mit der gewöhnlichen heutigen Verstandeserkenntnis, die wir in unseren Wissenschaften anwenden, nicht irgendwie zu begreifen.

 

Aber in Steiners „Philosophie der Freiheit“ geht es natürlich nicht um die 

gewöhnliche heutige Verstandeserkenntnis, die wir in unseren Wissenschaften anwenden.

Er nennt diesen Satz von Schelling einen 

Lichtblitz, der innerhalb der Weltanschauungsentwickelung erhellend nach rückwärts und vorwärts wirkt“ 

Dort sagt er aber „die Natur erkennen“ statt „über die Natur philosophieren„. Aber wahres Erkennen ist eben im Sinne der „Philosophie der Freiheit“ philosophieren – beziehungsweise wirkliches Philosophieren, das auf das Transzendente, das heißt das real Übersinnliche geht, ist eben wahres Erkennen: 

Wie ein Lichtblitz, der innerhalb der Weltanschauungsentwickelung erhellend nach rückwärts und vorwärts wirkt, erscheint ein Satz, den Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775–1854) in seiner «Naturphilosophie» ausgesprochen hat: «Über die Natur philosophieren heißt soviel als die Natur schaffen.» Wovon Goethe und Schiller durchdrungen waren: daß die produktive Phantasie ihren Anteil bei Erschaffung der Weltanschauung haben müsse, dem gibt dieser Satz einen monumentalen Ausdruck. Was die Natur uns freiwillig gibt, wenn wir sie beobachten, anschauen, wahrnehmen: das enthält nicht ihren tiefsten Sinn. Diesen Sinn kann der Mensch nicht von außen aufnehmen. Er muß ihn schaffen. 

 Diese Aussage illustriert –

neben der zunächst unverständlich wirkenden Aufnahme dieses „absurden“ Zitates in die so ganz und gar nicht absurde „Philosophie der Freiheit“ –

noch einmal, für wie bedeutungsvoll Rudolf Steiner diesen „Lichtblitz“ von Schelling hält, wenn man ihn nur im rechten Licht betrachtet. 

 

Und so sagte Rudolf Steiner im Jahr 1920 –

also ein Viertel-Jahrhundert nach der Erstausgabe seiner „Philosophie der Freiheit“ – 

zu den anthroposophischen Ärzten, dass dieser dort zitierte Satz von Schelling diesem ein Instinkt geworden ist,  

von dem man allerdings sagen kann, daß es gut wäre, wenn es eine Art inneres Prinzip für jeden Arzt würde, so würde, daß der Arzt gewissermaßen seine ganze praktische Anschauung vom Wesen des gesunden und kranken Menschen aus diesem Prinzipe heraus einstellen würde.

Und so wird es bereits hier ein wenig klarer, warum Steiner diesen bedeutungsvollen, aber rätselvollen Abschnitt zu Schelling in die „Philosophie der Freiheit“ aufgenommen hat – 

immerhin ist der betreffende Abschnitt dort fast eine Seite lang – 

bei dem man sich fragen kann, warum dieser nun ausgerechnet hier im dritten Kapitel der „Philosophie der Freiheit“ steht – 

das den Titel trägt: „Das Denken im Dienste der Weltauffassung“ – was ja nichts anderes heißt, als dass ein richtiges Denken der „Philosophie der Freiheit“ einen schon auch zu einem Verstehen dieses rätselhaften Zitates führen wird –

und warum er überhaupt wert war, in die „Philosophie der Freiheit“ aufgenommen zu werden – bei dem man sich also fragen kann, was das überhaupt soll. Denn das ist wirklich ein plötzlicher und merkwürdig abrupter Wechsel in diesem Kapitel der „Philosophie der Freiheit“, der allerdings nicht als solcher gekennzeichnet ist und besprochen wird. Da scheint doch etwas zu fehlen, was in der damaligen Situation und Erstausgabe der „Philosophie der Freiheit“ nicht dargestellt und weiter ausgeführt werden konnte, worauf Rudolf Steiner aber wenigstens als einen bedeutungsvollen „Lichtblitz“ hinweisen wollte.

 

Das Licht, in dem Rudolf Steiner dieses Zitat von Schelling in der „Philosophie der Freiheit“ betrachtet, 

ist erstmal – 

rein gedanklich, philosophisch, erkenntnistheoretisch – 

so, dass er einige Bemerkungen an diesen so absurd erscheinenden Satz von Schelling knüpft (GA 4 S. 48):      

Wer diese Worte des kühnen Naturphilosophen wörtlich nimmt, wird wohl zeitlebens auf alles Naturerkennen verzichten müssen. Denn die Natur ist einmal da, und um sie ein zweites Mal zu schaffen, muß man die Prinzipien erkennen, nach denen sie entstanden ist. Für die Natur, die man erst schaffen wollte, müßte man der bereits bestehenden die Bedingungen ihres Daseins abgucken. Dieses Abgucken, das dem Schaffen vorausgehen müßte, wäre aber das Erkennen der Natur, und zwar auch dann, wenn nach erfolgtem Abgucken das Schaffen ganz unterbliebe. Nur eine noch nicht vorhandene Natur könnte man schaffen, ohne sie vorher zu erkennen. 

 

Absurd“ ist dieser Satz von Schelling natürlich aus dem Grunde, 

weil innerhalb dieser Erdenwelt die Natur bereits da ist. Nur eine noch nie dagewesene und daher völlig neue Natur könnte man neu und aus dem Nichts heraus schaffen. Dazu müsste man allerdings so eine Art Gott sein. Das geht also nicht. –

Oder doch? – Aber lassen wir diese Frage erst einmal offen. –

Auch ist bei diesem Prozess von irgendeinem vorherigen Erkennen des Gottes nicht die Rede. Ein Gott schafft eine Natur eben de novo und nicht abgestützt auf etwas bereits Dagewesenes – das heißt er schafft aus dem Nichts heraus.  

Geht man allerdings von dem Erkennen der Gesetzmäßigkeiten einer bereits bestehenden Natur aus, die man ihr abguckt, dann ergeben sich ebenfalls unüberwindliche – eben „absurde“ – Schwierigkeiten:

… Dieses Abgucken, das dem Schaffen vorausgehen müßte, wäre aber das Erkennen der Natur, und zwar auch dann, wenn nach erfolgtem Abgucken das Schaffen ganz unterbliebe.

Das würde aber den Satz von Schelling noch einmal ad absurdum führen. Denn Schelling sagte ja, dass, indem der Mensch die Natur erkennt, er sie bereits und gleichzeitig – sozusagen in einem Arbeitsgang – schafft: 

Die Natur erkennen, heißt die Natur schaffen.

Hier innerhalb dieser Erdenverhältnisse könnten wir aber die Natur auch einfach nur erkennen und dann eben auch nicht schaffen. Ein solches Erkennen, das nach dem Erkennen der Natur das Schaffen der Natur auch ganz nach Belieben unterlassen könnte, hebt allerdings diesen Satz von Schelling wiederum auf. Denn der stellte ja die zwanghafte Folge auf: 

Die Natur erkennen, heißt die Natur schaffen.

Die Schellingsche Aussage stimmt also hinten und vorne nicht, beziehungsweise ist eben „absurd“ –

wie Rudolf Steiner das dann ja auch den anthroposophischen Ärzten sagt – siehe weiter unten – 

wenn man sie auf die Verhältnisse der realen, physischen, sinnlichen Welt anwenden will.

 

Überhaupt nicht „absurd“, sondern ganz im Sinne der „Philosophie der Freiheit“

sind allerdings die Gedanken zu einer Beobachtung des Denkens, die Rudolf Steiner an diesen Satz von Schelling anknüpft, und die noch einmal –

nicht nur dieses dritte Kapitel der „Philosophie der Freiheit“ ist ja voll davon –

eine leuchtende Charakteristik dazu bieten:

Was bei der Natur unmöglich ist: das Schaffen vor dem Erkennen; beim Denken vollbringen wir es. Wollten wir mit dem Denken warten, bis wir es erkannt haben, dann kämen wir nie dazu. Wir müssen resolut darauflosdenken, um hinterher mittels der Beobachtung des Selbstgetanen zu seiner Erkenntnis zu kommen. Der Beobachtung des Denkens schaffen wir selbst erst ein Objekt. Für das Vorhandensein aller anderen Objekte ist ohne unser Zutun gesorgt worden. 

Man könnte denken, damit sei dann doch alles klar: Man muss beim Denken eben „resolut drauflosdenken„. Auf der Ebene des Denkens der „Philosophie der Freiheit“, die ja – jedenfalls ersteinmal – immer noch auf der Ebene des gewöhnlichen Bewusstseins verläuft, mag es das auch sein. Aber auf der anderen Seite ist dann auch wiederum garnichts klar. 

 

Denn warum erwähnt Rudolf Steiner in seiner „Philosophie der Freiheit“ überhaupt dieses „absurde“ Zitat von Schelling, 

das er doch eigentlich erst recht mühsam zerpflücken und zurechtlegen muss, damit dessen möglicher, aber sehr verborgener Sinn für dieses dritte Kapitel der „Philosophie der Freiheit“ und für eine Beobachtung des Denkens – in aller Kürze – zum Vorschein kommt? Einfach nur so, um die „Philosophie der Freiheit“ etwas mehr „auf Volumen zu bringen“? Aus gespreizter und unnötiger „philosophischer Spielerei“? Oder um eine „weitere Karteikarte aus Rudolf Steiners reicher Zitatensammlung“ –

Teufel! Teufel! Was für ein studiertes und gelehrtes Haus dieser Steiner doch war! – 

für die Erstellung dieses Buches abzuarbeiten? Doch bestimmt nicht! 

 

Aber bloß, um seinen Lesern mitzuteilen, dass Erkennen – 

also wirkliches Denken auf der Ebene der „Philosophie der Freiheit“ – 

eben einfach und wirklich heißt, eine urschöpferische Tätigkeit zu entwickeln – dafür hätte Rudolf Steiner vielleicht nicht dieses „absurde“ Zitat von Schelling anführen müssen. Ein Zitat, dessen Absurdität für jeden gewöhnlich denkenden Menschen –

der vermutlich auch die „Philosophie der Freiheit“ für völlig absurd und für wesenloses Rumgedenke und daher für völlig überflüssig hält –

doch auf der Hand liegt, ist also nicht der Rede und des Behandelns wert ist – 

vor allen Dingen nicht in einer anspruchsvollen „Philosophie der Freiheit“. – 

Da steckt also mehr dahinter. 

   

Machen es die Verhältnisse in der „Philosophie der Freiheit“ denn wirklich notwendig, 

ein Zitat anzuführen, dessen offensichtliche Absurdität es doch sehr fraglich und zweifelhaft erscheinen lässt, dieses in einer ernstgemeinten Philosophie, die allerschwierigstes Neuland betritt, ohne Rücksicht auf Verluste aufzuführen? Ein Zitat, das Rudolf Steiner erst widerlegen muss, um dann einfach nur den neuen Sinn anzumerken, dass man der Beobachtung des Denkens erst ein Objekt schafft? 

Der Beobachtung des Denkens schaffen wir selbst erst ein Objekt. (GA 4 S. 49)

War es wirklich nur dazu des Aufwandes wert, dieses merkwürdige Zitat, aber scheinbar doch bedeutungsvolle Zitat von Schelling anzuführen – und dazu noch leider nur in solcher Kürze?

Oder steckt da eigentlich noch ein ganz anderer Sinn dahinter,

der aber ersteinmal auf der Ebene der „Philosophie der Freiheit“ des Jahres 1894 nicht –

oder ich sage besser: nicht so einfach –

zu erkennen ist? Sind die geistigen Verhältnisse in der „Philosophie der Freiheit“ eigentlich solche, die noch ganz andere Ebenen des Seins und des Denkens und des Erkennens im Blick haben – beziehungsweise zu ihnen hinführen wollen, indem sie sich an die Seite eines allerrätselvollsten „absurden“ Zitates stellen? Man kann durchaus den Eindruck bekommen, dass da mit Blick auf die Erwähnung dieses Zitates von Schelling eine merkwürdige Sinnlücke ist, die man mit seinem gewöhnlichen Verständnis gar nicht richtig ausfüllen kann, die sich einem nicht erschließt.   

 

Stößt man allerdings auf diese beiden Vorträge, die Rudolf Steiner im Jahr 1920 – 

also 26 Jahre nach der Erstausgabe der „Philosophie der Freiheit“ – 

für die anthroposophischen Ärzten hielt, in denen er sehr, sehr ausführlich auf dieses in der „Philosophie der Freiheit“ erwähnte Zitat von Schelling eingeht, dann erscheint einem die von Rudolf Steiner selbst so bezeichnete Absurdität des Schellingschen Zitates plötzlich ganz und gar nicht mehr absurd. Denn dort wird dieses Zitat des Philosophen Schelling in seiner ganzen Bedeutung aufgerollt – 

wie gesagt: 26 Jahre nach der ersten Veröffentlichung von Rudolf Steiners „Philosophie der Freiheit“! –

Ganz offensichtlich gab es vorher für ihn keine Möglichkeit, auf dieses sehr spezielle Zitat in seiner „Philosophie der Freiheit“ näher einzugehen. Aber nun schien eine Möglichkeit gekommen zu sein, die Sache so zu behandeln, wie es damals in der „Philosophie der Freiheit“ nicht möglich war, sie zu behandeln. –

Steiner musste ja mit seiner „Philosophie der Freiheit“ erstmal eine Grundlage für zukünftige Darstellungen schaffen: 

Das wollte ich schon in meiner «Philosophie der Freiheit» 1893 darstellen auf rein philosophische Weise, um eben einen Unterbau zu haben für ein Späteres.

 

Nun beschreibt Steiner also ein Vierteljahrhundert später in diesen Ärzte-Vorträgen einleitend, 

dass man sich ja           

wenig in den philosophischen Geschichtsbetrachtungen über die neuere Zeit damit beschäftigt, wie eigentlich Schelling darauf gekommen ist, ganz instinktiv so unterzutauchen aus der bloßen abstrakten, logisch philosophischen Betrachtung in eine reale Naturbetrachtung, selbst des Organischen. Und er hat ja sogar eine Zeitschrift herausgegeben, die sich in ausgiebigem Maße mit medizinischen Fragen beschäftigt hat. Woher kommt das? Man kann sich darüber aufklären, wenn man weiß und in richtiger Weise zu würdigen versteht, aus welchen tiefen Erkenntnisinstinkten heraus Schelling seine Wahrheiten und seine Irrtümer geschöpft hat. 

Und weiter mit Blick auf medizinische Angelegenheiten: 

Und so findet sich bei Schelling, durchaus nicht auf eine klare Erkenntnis gebaut, aber, ich möchte sagen, herausgehauen aus dem Instinktiven des seelischen Lebens, ein merkwürdiger Satz. Die Natur erkennen, sagte er, heißt die Natur schaffen. – Ja, wenn dieser Satz realisiert wäre unmittelbar für das menschliche Erkennen, dann hätten wir es leicht, in die Medizin hineinzukommen. Wenn wir mit in unser Erkennen aufnehmen könnten die Schaffenskräfte, wenn wir in unserem Bewußtsein anwesend hätten die Schaffenskräfte, dann könnten wir sehr leicht in das Gebiet der physiologischen und pathologischen Erscheinungen hineindringen, denn dann würden wir die schaffende Natur gewissermaßen bei ihren Schritten beobachten können.

 

Rudolf Steiner sagt also nichts anderes, als dass man es leicht hätte, 

in eine wirklich produktive, weil das Übersinnliche erkennende Medizin hineinzukommen, wenn man das realisieren würde, was er damals in seiner „Philosophie der Freiheit“ mit diesem Zitat von Schelling nur kurz andeuten durfte. –

In späteren Jahren hat Steiner das bekräftigt, dass es sehr leicht, „ja am leichtesten“ wäre, durch die „Philosophie der Freiheit“ zu einem übersinnlichen Erleben der Bildekräfte zu kommen, siehe zum Beispiel hier:

Man kommt ja am leichtesten dazu, sich in diese Denktätigkeit selbst einzuleben, wenn man das, was in meiner «Philosophie der Freiheit» enthalten ist, richtig durchlebt. Dort ist zum Beispiel hingewiesen auf dieses Denkerleben für die ethische, für die moralische Welt. Qualitativ ist es dasselbe, was ich da beschrieben habe. Und wenn man in der richtigen Weise die «Philosophie der Freiheit» studiert, so kommt man darauf, was eigentlich dieses Äthererleben, dieses Bildekräfteerleben ist.

Man könnte Steiners „Philosophie der Freiheit“ also auch als einen ersten Versuch bezeichnen, die medizinische – 

und die sonstigen Wissenschaften der organischen Natur –

auf eine neue und reale Basis zu stellen.    

Man stelle sich einmal vor, dass dieser kleine Abschnitt zu Schelling in der „Philosophie der Freiheit“ genauso lang geworden wäre wie die beiden großen Abschnitte in diesen Ärztevorträgen Steiners, die aber auch nichts anderes darstellen als nur eine kurze Hin- und Einleitung zu einem großen Thema – das unter anderem heißt: Wie werde ich dieser schaffenden und schöpferischen Bildekräfte im Menschen und in der Natur ansichtig? Damit wäre natürlich der Umfang dieser „Philosophie der Freiheit“ völlig gesprengt worden, und – das war in der damaligen Zeit für Steiner noch nicht möglich, so deutlich zu werden.  

  

Nach dieser relativ kurzen aber bedeutsamen Einleitung 

im ersten dieser Medizinervorträge (GA 314) geht Rudolf Steiner im zweiten Vortrag sehr ausführlich auf dieses Zitat von Schelling ein:    

Schelling hat aber aus dieser ganzen Seelenverfassung heraus, aus der ihm dieser Instinkt geworden ist, ein Prinzip gewonnen, von dem man allerdings sagen kann, daß es gut wäre, wenn es eine Art inneres Prinzip für jeden Arzt würde, so würde, daß der Arzt gewissermaßen seine ganze praktische Anschauung vom Wesen des gesunden und kranken Menschen aus diesem Prinzipe heraus einstellen würde.    

Damit sagt Rudolf Steiner nichts anderes, als dass es gut wäre, wenn der anthroposophische Arzt zu dieser übersinnlichen Betrachtung und Anschauung dieser Bildekräfte mit Blick auf Diagnose und Therapie seiner Patienten kommen würde. 

Steiner weist weiter darauf hin, dass das, was im jungen Menschen bis zu einem bestimmten Alter als schaffende und gestaltende Bildekraft arbeitet, das die Organe und die gesamte Gestalt des Menschen bildet, sich dann später zu den gewöhnlichen und schattenhaften Gedanken des gewöhnlichen Bewusstseins verwandelt, das man  

dann abgeschwächt hat, abgetönt im Seelenleben als eine Bilderwelt oder Gedankenwelt oder Vorstellungswelt, kurz, ich möchte sagen, als eine von ihrer schöpferischen Substantialität herunter verdünnte Weltenkraft, in den Gedanken, in den Vorstellungen drinnen.  

Der Mensch kann in seinem gewöhnlichen, naturwissenschaftlich orientierten Bewusstsein 

diese Bildekräfte nicht wahrnehmen. Das, was der Mensch in seiner wissenschaftlichen Hybris Erkennen nennt, 

ist doch nichts anderes als ein ohnmächtiges Bildergespinst; könnte man als Kind erkennen, dann würde man sagen müssen: Erkennen heißt eigentlich schaffen, heißt schöpferische Tätigkeit entwickeln. Aber wir können diese schöpferische Tätigkeit nur schauen in dem eigenen Inneren.

Der Arzt sollte allerdings diese Bildekräfte, die nicht nur im jungen Menschen, sondern auch im älteren Menschen in der einen oder in der anderen Weise unrechtmäßig rumoren können und Krankheiten erzeugen können, in der richtigen Weise erkennen können:      

Der ganze Verlauf dieser Krankheiten wird verständlich in dem Augenblicke, wo man dieses Rumoren des Geistig-Seelischen im Organismus nun wirklich schauen kann als die Grundlage der Erkrankung. 

Daher wird es            

in der Zukunft gar nicht anders gehen, als sich hineintreiben zu lassen aus den unfruchtbaren materialistischen Betrachtungen, in denen wir heute namentlich im Physiologisch-Therapeutischen stecken, in eine geistig-seelische Betrachtung.

Den Anfang dieser „geistig-seelischen Betrachtung“ machen allerdings Rudolf Steiners Bücher, 

zum Beispiel seine „Wahrheit und Wissenschaft“ (GA 3) sowie seine „Philosophie der Freiheit“. In letzterem Buch wurde Rudolf Steiner mit Blick auf eine real-geistig-seelische Betrachtung der Bildekräfte dahingehend deutlich, dass er eben das besprochene Zitat des Philosophen Schelling erwähnte. Ein richtiges Lesen und Verstehen der „Philosophie der Freiheit“ führt zu einer solchen Wahrnehmung der den Menschen leiblich-organisch bildenden Kräfte – wie immer mal wieder hier auf dieser Seite besprochen (siehe dazu zum Beispiel hier und hier).      

 

In der Neuausgabe seiner „Philosophie der Freiheit“ im Jahre 1918 

wurde Rudolf Steiner mit Blick auf ein reales übersinnliches Schauen der Bildekräfte durch das richtige Studium der „Philosophie der Freiheit“ dann aber doch in der Art deutlich, dass er in den Zusätzen zu diesem Buch die okkulte Wahrnehmungsseite direkt ansprach. Ich habe darüber mit Blick auf die von Steiner erwähnte „Zurückdrängung der Leibesorganisation“ (GA 4 S. 147), die nichts anderes darstellt als eine erste Wahrnehmung der Bildekräfte im Menschen, immer mal wieder hingewiesen.   

Auch im Zusatz zum zwölften Kapitel seiner „Philosophie der Freiheit“ weist Steiner noch einmal auf die Notwendigkeit hin, die organische Tätigkeit in Menschen zurückzudrängen, um zu einem freien Wollen kommen zu können. Das der „Philosophie der Freiheit“ zugrunde liegende Denken ist nicht aus dem Leib hervorgegangen, sondern aus der Überwindung des Leibes durch ein reines Denken, dessen    

Ziel darin liegt, solche von rein ideeller Intuition getragene Möglichkeit des Wollens zu erreichen. Sie kann erreicht werden, weil in der ideellen Intuition nichts als deren eigene auf sich gebaute Wesenheit wirkt. Ist eine solche Intuition im menschlichen Bewußtsein anwesend, dann ist sie nicht aus den Vorgängen des Organismus heraus entwickelt (s. S. 145 ff.), sondern die organische Tätigkeit hat sich zurückgezogen, um der ideellen Platz zu machen. Beobachte ich ein Wollen, das Abbild der Intuition ist, dann ist auch aus diesem Wollen die organisch notwendige Tätigkeit zurückgezogen. Das Wollen ist frei.

 

Was Rudolf Steiner in der „Philosophie der Freiheit“ im Zusammenhang mit der „Zurückdrängung der Leibesorganisation 

an real-übersinnlicher Beobachtung beschreibt, wird sich dem Leser der „Philosophie der Freiheit“ bei einem richtigen Studium dieses Buches ergeben. Dieses Studium muss allerdings auf eine Beobachtung des Denkens gebaut sein – zu der die „Philosophie der Freiheit“ auf jeder Seite dieses Buches hinführen will. Dazu hat im Prinzip jeder „normal organisierte Mensch“ die Möglichkeit (GA 4 S. 4 6): 

Für jeden aber, der die Fähigkeit hat, das Denken zu beobachten – und bei gutem Willen hat sie jeder normal organisierte Mensch – ist diese Beobachtung die allerwichtigste, die er machen kann. Denn er beobachtet etwas, dessen Hervorbringer er selbst ist; er sieht sich nicht einem zunächst fremden Gegenstande, sondern seiner eigenen Tätigkeit gegenüber. Er weiß, wie das zustande kommt, was er beobachtet. Er durchschaut die Verhältnisse und Beziehungen. Es ist ein fester Punkt gewonnen, von dem aus man mit begründeter Hoffnung nach der Erklärung der übrigen Welterscheinungen suchen kann.

 

Zu diesen „übrigen Welterscheinungen„, die erklärt werden sollen, 

gehören natürlich auch die Erklärung von Gesundheit und Krankheit im Arbeitsgebiet des anthroposophischen Arztes. Wenn der Mensch allerdings 

den Zurückdämmungsvorgang der organischen Tätigkeit nicht zu Ende führen kann,       

kann von einer Freiheit des Wollens sowie einer Wahrnehmung der den Menschen konstituierenden übersinnlichen Bildekräfte nicht die Rede sein. Die Unfähigkeit, den „Zurückdämmungsvorgang der organischen Tätigkeit“ kann verschiedene Gründe haben (Karma, Ungleichgewicht der aufbauenden Kräfte im Verhältnis zu den abbauenden, das heißt den Geist befreienden Kräften im Menschen, schlechte Nahrungsqualität, hemmende materialistische Kultureinflüsse und so weiter). Der anthroposophische Arzt – 

und es waren ja zuerst die anthroposophischen Ärzte, denen Rudolf Steiner damals dieses Zitat des Philosophen Schelling so ausführlich erklärt hatte – 

könnte also – 

so muss man doch diese Tat Rudolf Steiners innerhalb der medizinischen Vorträge damals verstehen – 

durch ein Schauen dieser Bildekräfte in die Lage versetzt werden, einige dieser das Verstehen der „Philosophie der Freiheit“ hemmenden Faktoren – 

die also im Bereich eines ärztlichen Wirkens liegen – 

durch seine therapeutische Tätigkeit aus dem Wege räumen zu können. 

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