von Ingo Hagel
Ähnlich wie der im vorigen Artikel dieser Artikel-Serie beschriebenen Fragestellerin muss es wohl auch einer Teilnehmerin der damaligen Mediziner-Kurse, gegangen sein. Sie wollte es genauer wissen und fragte daher Rudolf Steiner (GA 316 S. 145):
Was muß ich vom Ich aus tun, wenn ich eine Meditation mache?
Rudolf Steiner antwortete:
Sie meinen vom Ich aus? Nun, nicht wahr, die Meditation besteht aus folgendem: Als moderner Mensch haben Sie jedem Satz gegenüber das Gefühl, Sie müssen ihn verstehen. Das ist eine ausgesprochene Tätigkeit des Ich in der gegenwärtigen Inkarnation. Alles dasjenige, was Sie intellektuell tun, ist eine ausgesprochene Betätigung des Ich. Der Intellekt ist in der gegenwärtigen Inkarnation vorherrschend und alles übrige ist vom Ich zugedeckt, wirkt höchstens traumhaft hinauf und ist unbewusst. Dagegen heißt nun meditieren: ausschalten dieses intellektuelle Streben und den Meditationsinhalt zunächst so nehmen, wie er gegeben ist, rein, ich möchte sagen zunächst dem Wortlaute nach, so dass Sie, wenn Sie intellektuell an den Meditationsinhalt herangehen, bevor Sie den Meditationsinhalt in sich aufnehmen, Ihr Ich in Bewegung bringen, denn Sie denken nach über den Meditationsinhalt, Sie haben ihn außer sich. Wenn Sie den Meditationsinhalt, einfach wie er gegeben ist, in Ihrem Bewusstsein anwesend sein lassen, gar nicht nachdenken, sondern im Bewusstsein anwesend sein lassen, dann arbeitet in Ihnen nicht Ihr Ich aus der gegenwärtigen Inkarnation, sondern das aus der vergangenen. Sie halten stille den Intellekt; Sie versetzen sich einfach in den Wortinhalt, den Sie innerlich, nicht äußerlich hören, als Wortinhalt hören. In das versetzen Sie sich, und indem Sie sich in das versetzen, arbeitet im Meditationsinhalt Ihr innerer Mensch, der nicht derjenige ist der gegenwärtigen Inkarnation. Dadurch aber wird der Meditationsinhalt nicht zu etwas, was Sie verstehen sollen, sondern das real in Ihnen wirkt und so real in Ihnen arbeitet, dass Sie zuletzt gewahr werden, jetzt habe ich etwas erlebt, was ich früher nicht erleben konnte. Nehmen Sie einen einfachen Meditationsinhalt, den ich oftmals gegeben habe: «Weisheit lebt im Licht.» Nun, nicht wahr, wenn man darüber nachdenkt, kann man darüber furchtbar viel Gescheites, aber ebensoviel furchtbar Törichtes herausbekommen. Er ist da, um innerlich gehört zu werden: «Weisheit lebt im Licht.» Da passt in Ihnen auf, wenn Sie ihn so innerlich hören, dasjenige, was da ist, nicht aus der gegenwärtigen Inkarnation, sondern dasjenige, was Sie sich mitgebracht haben aus früheren Erdenleben. Und das denkt und das empfindet, und es leuchtet auf nach einiger Zeit in Ihnen etwas, was Sie früher nicht gewusst haben, was Sie auch nicht aus Ihrem eigenen Intellekt heraus denken können. Sie sind innerlich viel weiter als Ihr Intellekt ist. Der enthält nur einen kleinen Ausschnitt dessen, was da ist.
Rudolf Steiner versuchte also, der Fragestellerin klarzumachen,
dass man vom „Ich“ aus nicht sinnvoll meditieren kann, da man mit diesem „Ich“ –
das ja nicht das wirkliche Ich des Menschen ist, sondern eben nur dessen Kopf-Ich, dessen Intellekt und gewöhnliches Alltagsbewusstsein –
solche Dinge weder wirklich betreiben noch auffassen kann. –
Aus demselben Grunde schreibt Rudolf Steiner dieses „Ich“ auch in der „Philosophie der Freiheit“ an den entsprechenden Stellen immer in Anführungszeichen. Man hat aber erstmal nichts anderes als dieses „Ich„. –
Die Antwort Rudolf Steiners an die Teilnehmerin des Medizinerkurses ist also eine der verschiedenen Versionen aus seinen vielen Schilderungen sowohl zum wirklichen Denkprozess –
dargestellt zum Beispiel in den vielen erkenntnistheoretischen Werken Rudolf Steiners –
als auch zur Technik der Meditation. Immer wieder wird man sich von Rudolf Steiner vor die Mahnung gestellt sehen, diese Dinge eben nicht mit dem abstrakten, toten Intellekt zu betreiben. Also:
Aber bitte nicht mit dem Kopf!
In der heutigen Zeit, die in immer stärkerem Maße eine derart kopfbetonte Zeit ist –
Rudolf Steiner dazu:
Das gegenwärtige Geschlecht ist vor allen Dingen nur für das abstrakte Denken erzogen; es verwechselt immer das abstrakte Denken mit dem lebendigen Denken. (GA 177 S. 135)
sollte man sich diese misslichen konstitutionellen Voraussetzungen immer wieder bewusst machen. Das intellektuelle, abstrakte Denken ist überhaupt nicht zum wirklichen Erkennen da, ist gar nicht dazu fähig. –
Und wirkliches Erkennen heißt bei Rudolf Steiner immer übersinnliches Erkennen. –
Siehe auch hier:
Dass man mit ihm, mit der reinen Intellektualität, überhaupt nichts erkennen kann. Der Intellekt ist nämlich gar nicht zum Erkennen da. Das ist der große Irrtum, dem sich der Mensch hingeben kann, dass der Intellekt zum Erkennen da sei.
Und S. 93:
… das bloße intellektuelle Leben ist nur ein Zwischenzustand, der überhaupt für die Natur und das, was der Mensch hervorbringt, keine Bedeutung hat, sondern nur für den Menschen selbst. Die Menschen haben den Intellekt ausgebildet, damit sie frei werden können.
Anmerkung IH: Worauf hier auf dieser Seite immer wieder hingewiesen wurde.
Wirkliches Erkennen wird eben durch die Meditation ausgeübt. Und dazu ist der Intellekt, der Kopf nicht zu gebrauchen. Was – wie oft hier gesagt – nicht bedeutet, dass der Mensch nun seinen Intellekt abschaffen soll. Dem Intellekt ist durch bestimmte geistige Geschehnisse sowieso schon eine Begrenzung gesetzt worden. Umso wichtiger ist daher die Entwicklung realer spiritueller Einsichten und Fähigkeiten durch das anthroposophische Studium und die Meditation. Es muss also mit Imagination, Inspiration und Intuition das wirkliche Erkennen wiederum hinzukommen, nicht nur das intellektuelle Erkennen, das ja kein Erkennen ist.
Man ahnt ja gar nicht, wie groß dieser innerliche Stolz auf das Denken mit dem Kopf
und dieser innerliche intellektuelle Hochmut ist, diese heutige moderne Arroganz, die glaubt, alles mit dem Verstand und dem Kopf regeln und damit große Räder drehen zu können. Aber das hat Rudolf Steiner eben auch beschrieben mit Blick auf den Rosenkreuzerschüler mittelalterlicher Zeiten – der aber nur vorweggenommen hat in seinem Erkenntnisstreben, wohin der Mensch heute eben auch kommen muss, wenn er wahre Erkenntnis anstrebt (GA 232 S. 188):
Und indem der Schüler dieses fühlte, daß dasjenige, was ihm gerade die neuere Zeit gab, ihn nicht hinführen konnte zu dem, was sein eigentliches Wesen ist, da war es dann, daß der Schüler fühlte: Du mußt entweder verzweifeln an der Erkenntnis, oder du mußt durchgehen durch eine Art von Abtötung des Hochmutes der Abstraktion. Und schon fühlte der Rosenkreuzerschüler, der wahre Rosenkreuzerschüler etwas Ähnliches, wie wenn ihm der Meister einen Schlag ins Genick gegeben hätte, um ihm anzudeuten, daß das Abstrakte des modernen Hauptes nicht geeignet ist, in die geistigen Welten einzutreten, und daß der Schüler zu leisten habe die Absage an die bloße Abstraktion, um in die geistige Welt einzutreten. Das war eigentlich ein großer vorbereitender Augenblick dessen, was man nennen kann die Rosenkreuzer-Initiation.
Aber in dieser Abstraktheit des modernen Hauptes mit seinem intellektuellen Bewusstsein kann man sich schon wie in einer Art von Gefängnis eingesperrt fühlen. Daher kann die Frage immer drängender werden:
Wie macht man das denn? Wie überwindet man das intellektuelle, tote, abstrakte Denken?
Man könnte nun glauben, dass man das oben erwähnte Hören des „einfachen Meditationsinhaltes“ –
Er ist da, um innerlich gehört zu werden: «Weisheit lebt im Licht.»
so vollbringt, dass man zum Beispiel so, wie man in der Grundschule Gedichte auswendig gelernt hat, und sie damals passiv hat im Gedächtnis ablaufen lassen – und sie so auch innerlich gehört hat – man so auch meditieren soll. So ist dieses innerliche Hören der Meditation aber nicht gemeint.
Es kann einem zu einem Verständnis dieser Angelegenheit eine Hilfe sein, wenn man gründlich genug die „Philosophie der Freiheit“ studiert hat – und hier insbesondere den Zusatz zu deren dritten Kapitel. –
Ich habe auf diesen sehr besonderen Zusatz, der in der Tat auf rein gedanklich, philosophische Weise eine Anleitung zur Denktechnik nicht nur der „Philosophie der Freiheit“, sondern auch der Meditation darstellt, auf dieser Seite oft aufmerksam gemacht. Siehe zum Beispiel hier. –
Dort ist nämlich mit Blick auf den wirklichen Denkprozess –
denn ein Denken entlang der Sinneswelt ist ja kein wirkliches Denken, sondern nur bei einem willentlichen Denken von reinen, sinnlichkeitsfreien Inhalten handelt es sich um ein wirkliches Denken – Rudolf Steiner:
Das Denken der Menschen heute, wo sie so wenig das Denken lieben, dem nichts Äußerlich-Sinnliches entspricht, ist gar kein wirkliches Denken. Es ist nur ein seelisches Weben in Wortschatten. Man prüfe sich nur einmal, und man wird sehen, wie dieses seelische Weben in Wortschatten vorhanden ist. –
mit dem man die „Philosophie der Freiheit“ studieren und auffassen soll, mit dem man das Denken beobachten soll –
und mit dem man meditieren soll – weil wirkliches Denken und Meditieren von der Denktechnik her ein und dasselbe sind – ich habe darauf hier auf dieser Seite oft aufmerksam gemacht, indem ich auf die vielen Stellen hingewiesen habe, in denen Rudolf Steiner mit Blick auf die Meditation sozusagen in einem Atemzug sowohl auf seine „Philosophie der Freiheit“ und dann auf „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“ hinweist – oder umgekehrt. –
zu lesen:
Mag es das Wesen des Denkens immerhin notwendig machen, daß dieses gewollt wird: es kommt darauf an, dass nichts gewollt wird, was, indem es sich vollzieht, vor dem «Ich» nicht restlos als seine eigene, von ihm überschaubare Tätigkeit erscheint.
Die Realisierung dieser Hinweise aus der „Philosophie der Freiheit“ wird einen schon über das mechanische innere Hören – wie zum Beispiel beim Repetieren eines ungeliebten Gedichtes in seiner Kindheit – hinausführen können. Und man wird dann auch nicht bei einem „seelischen Weben in Wortschatten“ verharren, sondern dieses innere Hören des Meditationssatzes wird immer mehr zu einem plastischen Erlebnis werden. Wie das geht, das charakterisiert Rudolf Steiner diese Tätigkeit an anderer Stelle (GA 97 S. 230):
Du hast diese Zeit hindurch die Aufmerksamkeit von allem abzuwenden, was um dich vorgeht. Blind und taub mußt du werden für alles um dich, und aufsteigen müssen diese Worte in deiner Seele, als ob du sie hörtest, Tag für Tag, immer und immer wieder.
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