Sie werden besser verstehen, was ich meine, wenn ich Ihnen zum Beispiel sage, daß man ja im gewöhnlichen Leben gar nicht wirklich denkt. Man denkt zum Beispiel über Mathematik, wenn man ein Dreieck in der Weise macht, wie ich es vorhin beschrieben habe; man denkt insbeson-dere, wenn man solch absonderliche Dinge macht, für die es in der Sprache keine Worte gibt. Aber wenn man nur in den Dingen denkt, die so landläufig unter den Menschen heute leben, so denkt man eigentlich nicht wirklich, denn in diesem Denken vibrieren fortwährend die Sprachorgane mit, wenn auch so leise, daß man es nicht hört. Das Denken der Menschen heute, wo sie so wenig das Denken lieben, dem nichts Äußerlich-Sinnliches entspricht, ist gar kein wirkliches Denken. Es ist nur ein seelisches Weben in Wortschatten. Man prüfe sich nur einmal, und man wird sehen, wie dieses seelische Weben in Wortschatten vorhanden ist.
Wenn man nun in der Lage ist, seinen Kehlkopf wirklich auch innerlich vollständig zur Ruhe zu bringen und dennoch die innerliche Tätigkeit in der Seele ausübt, die sonst der Kehlkopfbewegung zugrunde liegt, wenn also die Übung, aus den Worten herauszukommen, eine ganz innerliche bleibt, wenn man mit der Sprachfähigkeit mit anderen Worten dasselbe macht, was man vorher mit der Denk-tätigkeit gemacht hat, die eine umgewandelte Erinnerungs-fähigkeit ist – da stößt man nur bis zu den Nervenendigungen, jetzt übt man die Sprachtätigkeit nur bis zum Kehlkopf aus, gerade bis zu dem Punkte, wo er anfangen will zu sprechen —, dann bildet sich nach und nach eben dasjenige aus, was ich in der letzten Zeit in den öffentlichen Vorträgen «das tiefe Schweigen der menschlichen Seele» genannt habe. Nämlich, es nicht zum innerlichen Reden kommen zu lassen, heißt, das tiefe Schweigen der Seele aus-bilden.
Das tiefe Schweigen der Seele muß man so verstehen: Denken Sie sich, Sie sind in einer Stadt, vielleicht nicht gerade in Basel, sondern in London oder in einer noch tosenderen Stadt. Sie sind im lauten Tosen drinnen. Jetzt entfernen Sie sich von der Stadt. Das Tosen wird schwächer.
Sie gehen weiter, und das Tosen wird immer schwächer. Sie kommen vielleicht in die einsame Stille des Waldes. Sie sagen: es ist ganz ruhig innen und außen. Es wird einen Punkt geben, wo die Ruhe Null eintritt, also die Nullruhe eintritt. Erst ist das Geräusch, jetzt wird es ruhiger, nun kommt die Nullruhe. Nun kann das aber weitergehen. Und daß es weitergeht, daß man nicht nur jene Ruhe hat, wo die äußere Welt auch in der Seele schweigt, sondern daß man das tiefe Schweigen bekommt, das kann eben ein Ergebnis dieses Sichenthaltens der Worte sein, trotzdem man all die innere Tätigkeit, die es zu den Worten bringen kann, ausübt, nur nimmt man den physischen Leib nicht in Anspruch. Die einzelnen Übungen habe ich in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» be-schrieben. Da merkt man dann, daß es noch etwas mehr gibt als die Nullruhe. Und ich habe in den öffentlichen Vorträgen einen trivialen Vergleich gebraucht, ich habe gesagt:
Denken wir, einer habe ein bestimmtes Vermögen. Er gibt davon aus; da hat er weniger. Er gibt weiter aus, da hat er wieder weniger. Endlich hat er Null. Ja, jetzt gibt er weiter aus, da macht er Schulden, da hat er noch weniger als Null. Und so geht es weiter. Die Mathematiker haben ja da die negativen Zahlen eingeführt -6-4-202468 usw. So können Sie sich auch vorstellen, daß die Nullruhe übergeht in das Negative, in dasjenige, was stiller als die Stille, ruhiger als die Ruhe ist. Das können Sie in der Seele herstellen.
Dann aber, wenn auf diese Weise die äußere Welt nicht nur schweigt, sondern mehr tut als schweigen, wenn die Reaktion der Seele über die Nullruhe hinausgeht in das Negative des äußeren Tönens und Lautens, dann beginnt aus dem tiefen Schweigen der Seele heraus der Geist zu sprechen, und dann nehmen wir unseren dritten Menschen wahr, den wir dann den astralischen Menschen nennen.
Ausdrücke sind gleichgültig, es ist eine Terminologie, man könnte ihn auch anders nennen. Dieser astralische, dieser dritte Mensch, den werden wir gewahr, wenn wir bei dem tiefen Schweigen der Seele ankommen, und aus dem tiefen Schweigen der Seele heraus das andere, das Geistige tönt, was das entgegengesetzte Tönen des physischen Tönens ist. Und dieser astralische Leib führt uns in jeder Beziehung weiter als der bloße ätherische Leib. Um das zu verdeut-lichen, lassen Sie mich etwas Kosmisches anführen.
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