von Ingo Hagel
Wer glaubt, dass den Menschen, die damals um Rudolf Steiner in der esoterischen Schule waren, ein Verständnis der Meditationstechnik leicht fiel, brauche sich nur einmal diesen Brief Rudolf Steiners an ein Mitglied – eine promovierte Wissenschaftlerin – durchzulesen, um zu ahnen, welche Schwierigkeiten mit der Meditation selbst die Menschen hatten, die bereits – als für diesen Weg geeignet – in diese esoterische Schule aufgenommen worden waren. Die Briefeschreiberin hatte in einem vorigen Brief über die Sinnlosigkeit geklagt, Meditationssätze, die einem doch vom Verständnis und Wissen her völlig klar waren, in der Meditation immer wieder wiederholen zu müssen. Die ausgesprochen geduldige Antwort Rudolf Steiners sah so aus:
… Sie meinen, wenn man in der Meditation die Worte, die eigentlich selbstverständlich sind, wiederhole, so sei das doch zwecklos. Das aber ist nicht der Fall. Käme es auf das Wissen an, dann wäre es zwecklos. Aber es kommt eben darauf an, daß man wieder und immer wieder durch sich selbst erlebt, was man sein soll, und was man selbsttätig aus sich machen soll. …
Das Beispiel zeigt, wo das Problem lag – und heute immer noch liegt.
Die Fragestellererin ging, wie ganz viele andere Menschen auch, mit ihrem gewöhnlichen, wissenschaftlich gebildeten Alltagsbewusstsein an die Meditation heran. Das macht man ja heute auch, wenn man als Neuling an die Anthroposophie, an die Erkenntnistheorie Rudolf Steiners oder an die Meditationstechnik der Anthroposophie herantritt. Man arbeitet aus seinem gewöhnlichen Alltagsbewusstsein heraus –
was man ja auch machen muss, weil man erstmal kein anderes Bewusstsein hat –
das abstrakt, tot und intellektuell ist, und wundert sich, dass man damit das Leben in dieser Anthroposophie oder der Meditation nicht ergreifen kann, so dass einem diese Dinge leer und sinnlos erscheinen.
Es ist bemerkenswert, dass Rudolf Steiner damals –
in der frühen Zeit der Bildung einer esoterischen Schülerschaft – der Briefwechsel stammt aus dem Jahr 1904 –
der Fragestellerin keine andere Hilfestellung gab, als ihr – doch ein wenig kryptisch – mitzuteilen, dass ihre Sorge um eine Zwecklosigkeit des Wiederholens von Meditationssätzen, von denen man glaubt, dass sie völlig verständlich sind, ganz und gar nicht zutrifft:
Käme es auf das Wissen an, dann wäre es zwecklos. Aber es kommt eben darauf an, daß man wieder und immer wieder durch sich selbst erlebt, was man sein soll, und was man selbsttätig aus sich machen soll.
Warum hat Rudolf Steiner der Fragestellerin nicht detaillierter erklärt,
wie man mit diesen Meditationssätzen umgeht, damit sie nicht mehr sinnlos erscheinen? Letzteres tun sie nämlich nur, wenn man mit dem Alltagsbewusstsein seines intellektuellen Kopfes daran geht, was die Fragestellerin offenbar tat –
und was ja jeder Mensch in dieser Situation tut, weil man eben erstmal kein anderes Bewusstsein als dieses intellektuelle Alltagsbewusstsein des Kopfes zur Verfügung hat. –
Warum hat also Rudolf Steiner der Fragestellerin nicht ausführlicher und plastischer erklärt, wie man das richtig macht? Vielleicht weil er dafür an seine verschiedenen Schüler sehr viel mehr hätte schreiben müssen, und auch, weil das in ein paar Worten nicht so einfach zu erklären ist, wenn man einen Menschen vor sich hat, der sehr stark auf dieses Kopfbewusstsein hinorientiert ist –
und das sind eben alle Menschen heute in einem ungeheueren Maße. –
Für einen solchen Menschen wäre eigentlich jede Erklärung nur etwas, was er wiederum nur mit dem intellektuellen Kopfbewusstsein aufnimmt, aufnehmen kann, und ihm daher eigentlich nichts bedeutet. Fruchtbarer ist es daher, wenn man einem solchen Menschen bedeutet –
so wie Rudolf Steiner es damals gegenüber der Fragestellerin gemacht hat –
sie solle einfach in der Meditation fortfahren, dann würde sich das schon entwickeln.
Einfach weitermachen. Nicht aufgeben.
Das war offenbar für dieses Stadium der esoterischen Schülerschaft das Angemessene: Der Schüler sollte sich an dieser Klippe eines mangelnden Interesses und Sinnes für den Meditationsspruch abarbeiten. –
Siehe dazu auch weiter unten Rudolf Steiners Erzählung zum einfältigen Paulus. –
Jeder Mensch, der meditieren lernen will, muss sich an dieser Klippe abarbeiten, an der er diese meditative Tätigkeit für sinnlos hält, an der er aber spürt, dass er über dieses Gefühl der Sinnlosigkeit hinwegkommen muss, wenn er das Interesse für die Meditation nicht ganz verlieren will. Er muss den Sinn entdecken in der Meditation. Und dieser Sinn wird entdeckt, indem man eben entdeckt, dass es neben einem – sinnlosen – Denken und Wiederholen der Meditation mit dem gewöhnlichen Bewusstsein des Kopfes noch ein anderes Bewusstsein gibt, das durch den Willen gespeist und aufrecht erhalten wird, und mit dem die Meditation betrieben wird. Und ab diesem Punkt wird dieses Sich-Versenken in die Meditation eben nicht mehr sinnlos, sondern sehr sinnvoll, weil lebendig.
Rudolf Steiner schrieb später ja auch, dass diese Kräfte nur im Anwenden entdeckt werden:
Und wenn die Seele in sich die im gewöhnlichen Leben doch nur in geringem Maße geübte Hingabe an den Gedanken als solchen immer erneut bewirkt – sich auf den Gedanken als Gedanken konzentriert -: dann entdeckt sie in sich Kräfte, die im gewöhnlichen Leben nicht angewendet werden, sondern gleichsam schlummernd (latent) bleiben. Es sind Kräfte, die nur im bewußten Anwenden entdeckt werden. Sie stimmen aber die Seele zu einem ohne ihre Entdeckung nicht vorhandenen Erleben.
Diese Kräfte werden also nicht primär durch theoretische Erklärungen des Lehrers entdeckt –
natürlich sind diese theoretischen Erklärungen auch nötig, aber der Schüler muss diese dann immer in einer reale Denkpraxis umzusetzen wissen –
sondern sie werden dadurch entdeckt, dass der meditierende Schüler den Winken des Lehrers folgt und diese anwendend-denkend-meditierend für sich und in sich zu realisieren sucht. Hier lautet dieser Wink:
Der Mensch kann in das gewöhnliche bewußte Denken eine stärkere Willensentfaltung einführen, als in diesem im gewöhnlichen Erleben der physischen Welt vorhanden ist. Er kann dadurch vom Denken zum Erleben des Denkens übergehen.
Irgendwelche Ergebnisse und Fortschritte resultieren also immer nur aus dem realen meditativen Leben und den entsprechenden Bemühungen des Meditierenden um eine Umsetzung dieser Winke –
und nicht daraus, dass man irgendwo etwas theoretisch als Information aufgenommen hat. Das muss man zwar, aber dieses Kopfwissen muss dann eben zu einer inneren Erfahrung gebracht werden. –
Diese Ergebnisse müssen aktiv übend abgewartet, erwartet werden.
Spricht Rudolf Steiner also vom Denken, dann meint der naive Leser,
es sei das passive Denken gemeint, mit dem er sein gewöhnliches Leben und seinen Beruf bewältigt – oder eben auch nicht bewältigt. Dieses abstrakte Denken ist nicht gemeint. Aber wie teilt man jemandem mit, was gemeint ist, wenn der Betreffende das, was gemeint ist, noch nie in seinem Leben erlebt hat? Rudolf Steiner –
und jeder, der über diese Dinge etwas mitteilen will –
kann diesbezüglich an nichts Bekanntes anknüpfen. Das liegt in der Natur der Sache. Aber Steiner schreibt seine diesbezüglichen Bücher und spricht seine Vorträge so, dass, wenn man dieser Sprache, diesen Sätzen folgt, man schon darauf stoßen wird, was dieses lebendige Denken ist. Wie Rudolf Steiner sagte: Diese Kräfte werden „nur im bewußten Anwenden entdeckt„. Und zu diesem Anwenden gehört auch, dass man ein intensives Studium auf diesem anthroposophischen Gebiet betreibt. Dann wird sich schon aus dem abstrakten Denken des gewöhnlichen Alltagsbewusstseins nach und nach das lebendige Denken eines neuen, ungewöhnlichen Bewusstseins herausschälen.
Aber: Kein Anwenden, dann auch kein Entdecken dieser Kräfte. Es gibt keine Chance, sich diese Kräfte nur durch passives Lesen anzueignen. Aber: man muss lesen, also anthroposophisches Studium betreiben, um herauszufinden, um eine Direktive zu erhalten, in welcher Richtung man suchen, arbeiten und innere Kräfte mobilisieren muss, um sich diese Kräfte anzueignen.
Wie man zu diesem Erleben kommen soll, das eben gar kein Wissen mehr mit dem Kopf darstellt,
das hat Steiner damals in diesem Brief an die Fragestellerin nicht beschrieben. Beim Lesen dieser und vieler anderer Ausführungen Rudolf Steiners zu einer übersinnlichen Forschungsmethode habe ich immer wieder den Eindruck erhalten, dass es ein wesentliches Merkmal derselben ist, dass der Schüler seine geistigen Grenzen, Unfähigkeiten, Überheblichkeiten und Eingebildetheiten wirklich erlebt, in dem er sich – scheinbar sinnlos – an diesen unscheinbaren Meditationssätzen abarbeitet. Es würde dem, der Meditation lernen will, aber nichts helfen, wenn man ihm vor einem Erleben dieser Grenzen und Unfähigkeiten –
also als einem unreifen Menschen –
einfach den Schlüssel zu dieser übersinnlichen Forschungsmethode überreichen würde. Es gehört eben zu einem esoterischen Weg, dass dieser ein schwieriger ist, sonst ist er keiner. –
Rudolf Steiner dazu zu den anthroposophischen Ärzten – auch mit Blick auf die misslichen Erfahrungen in der anthroposophischen Gesellschaft:
Der esoterische Weg ist eben entweder ein schwieriger oder er ist gar keiner. Und man kann eine esoterische Entwickelung nicht auf einem bequemen Weg erreichen.
Und man hat sich in einer schmerzvollen Selbsterkenntnis mit sich selbst auseinanderzusetzen. Das macht – wenn es gut geht – geistig bescheiden und demütig. Das sind zwei wichtige Eigenschaften auf dem Wege zu höherer Erkenntnis.
Viele Leute sind natürlich entsetzt und halten das für eine Zumutung,
dass das mit Imagination, Inspiration und einer gediegenen Gedankentechnik zur Meditation und überhaupt mit einem Verständnis der „Philosophie der Freiheit“ und der Beobachtung des Denkens so schwierig ist und so fürchterlich lange dauert. Aber man kann sich ja einmal überlegen, in welche gefährlichen geistigen Bereiche man da unvorbereitet hineinkommen würde –
Aus diesen zwei Beispielen, die ich angeführt habe, können Sie, wenn Sie sie konsequent verfolgen, auf gewisse Gefahren kommen, die dem Menschen drohen, wenn er sich einläßt mit den Kräften, die hinter der äußeren Natur als geistige Kräfte der Natur stehen. … –
und dass also Vorbereitungen getroffen werden müssen, um diesen ungeläuterten Seelenzustand der Menschen vor dem Betreten dieser Bereiche zu verwandeln. Rudolf Steiner hat über diese Zusammenhänge immer wieder und einmal in Form der Legende von dem einfältigen Paulus –
ich verstehe: Das sind wir alle … –
gesprochen. Vielleicht hat es mit Blick auf diese Angelegenheit damals in der Anthroposophischen Gesellschaft etwas rumort, so dass Rudolf Steiner sich veranlasst sah, diesbezüglich einige humorvolle, langmütige, aber im Kern doch sehr ernste Ausführungen zu machen.
Daran kann man viel lernen: Man muss sich abmühen
an einem Verständnis dieser geistigen Welt und daran, wie in einer gesunden Weise die Schwelle zur geistigen Welt zu überschreiten ist. Und an diesem Abmühen werden ungeläuterte Kräfte des Menschen aufgebraucht und verwandelt. Rudolf Steiner bezeichnet das als Katharsis, Läuterung. Und er wies auch darauf hin, dass schon durch das Studium der „Philosophie der Freiheit“ eine bedeutende Stufe dieser Katharsis und Läuterung erreicht wird:
Der, der sie nicht herbeigeführt hat, wenn er dieses Buch durchgenommen hat, braucht nicht zu denken, daß es nicht richtig ist, was ich sage, sondern eher, daß er es nicht richtig oder nicht energisch und gründlich genug durchgearbeitet hat. –
Aber wie immer bei diesen Darstellungen ist mit Blick auf diese Energie und Gründlichkeit zu bemerken: Aber bitte nicht mit dem Kopf und mit dem gewöhnlichen intellektuellen Bewusstsein! Beziehungsweise man sollte –
da man ja erstmal nichts anderes hat als dieses gewöhnliche Bewusstsein –
immer im Blick haben, dass irgendwann auf diesem Wege der Meditation das gewöhnliche Bewusstsein –
und auch beim Studium der „Philosophie der Freiheit“ oder der Anthroposophie –
überwunden werden muss.
Hat Ihnen dieser Artikel etwas gegeben? Dann geben Sie doch etwas zurück! – Unterstützen Sie meine Arbeit im Umkreis-Institut durch eine
Das geht sehr einfach über eine Überweisung oder über PayPal.
Sollte Ihnen aber Ihre Suchmaschine diesen Artikel nur zufällig auf den Monitor geworfen haben, Sie das alles sowieso nur für (elektronisches) Papier beziehungsweise nur für Worte – also für Pille-Palle – halten, dann gibt es
einen angenehmen und lustigen Ausgang für Sie.
Falls Ihnen dieser Artikel jedoch unverständlich, unangebracht, spinnig oder sogar „esoterisch“ vorkommt, gibt es vorerst wohl nur eines: