Rudolf Steiner zum Sturz der Geister der Finsternis

(GA 177 S. 229)

Die Betrachtungen, die wir in dieser Zeit angestellt haben, wollen wir nunmehr in diesen Tagen fortsetzen und dadurch gewissermaßen einen Hintergrund liefern zur Beurteilung der bedeutungsvollen Ereignisse, die jetzt vor dem Menschengemüte vorbeiziehen, in die der Mensch hineingestellt ist und die bedeutungsvoller sind, als heute noch mancher ahnt. Ich habe versucht, begreiflich zu machen, wie der Hintergrund dieser Ereignisse zusammenhängt mit tief einschneidenden Vorgängen der geistigen Welt. Und ich habe darauf hingewiesen, daß vom Beginne der vierziger Jahre bis in den Herbst 1879 ein bedeutungsvoller, tief einschneidender Kampf stattgefunden hat in den geistigen Regionen der Welt, einer jener Kämpfe, die sich in der Evolution der Welt und der Menschheit wiederholt ereignen und die man gewohnt worden ist darzustellen unter dem Bilde des gegen den Drachen kämpfenden Michael oder Sankt Georg. Ein solcher Sieg Michaels über den Drachen für die geistigen Welten ist 1879 ausgefochten gewesen. Die den Impulsen des Michael entgegenstrebenden Geister der Finsternis sind dazumal aus dem geistigen Reiche in die Reiche der Menschen herabgestürzt worden und walten seit jener Zeit, wie ich gesagt habe, in den Empfindungs-, Willens-, Gemütsimpulsen der Menschen, so daß man die Ereignisse der Gegenwart nur versteht, wenn man auf diese gewissermaßen unter uns wandelnden geistigen Mächte den Seelenblick lenken kann. Für uns muß naturgemäß die Frage entstehen: Worin bestand in erster Linie jener Kampf, der in den geistigen Regionen von den vierziger Jahren bis in die siebziger Jahre stattgefunden hat, und worin besteht dann der andere Kampf beziehungsweise worin besteht die Tätigkeit der herabgestoßenen Geisteswesen der Finsternis unter der Menschheit seit dem November 1879? Nun kann man nur in langsamer und allmählicher Schilderung zusammenfassen, was diesem bedeutungsvollen Kampfe, man könnte sagen, hinter den Kulissen der Weltgeschichte von den vierziger Jahren bis in die siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts zugrundelag. Heute wollen wir zunächst auf einiges aufmerksam machen, was diesen Kampf gewissermaßen aus den geistigen Regionen in die irdischen, in die menschlichen Regionen herunterspiegelt. Ich habe ja oftmals darauf hingewiesen, wie im Beginne der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts ein entscheidender Wendepunkt in der Entwickelung der modernen Kulturgebiete war, wie dazumal gewissermaßen der entscheidende Wendepunkt war, der die volle, impulsive materialistische Entwickelung gebracht hat. Daß diese materialistische Entwickelung hat kommen können, dazu waren zunächst einschneidende Vorgänge in der geistigen Welt notwendig, die sich dann herunter fortsetzten und das allmähliche Einträufeln der materialistischen Impulse in die Menschheit bewirkten. Wir können, wenn wir hier auf dem Erdengebiete verfolgen, was sich aus den geistigen Regionen spiegelte, vor allen Dingen auf zweierlei hinweisen: Zuerst darauf, wie viel mehr, als die gegenwärtige Menschheit es noch ahnt – denn erst zukünftige Betrachter werden einen klaren Blick dafür haben – in den vierziger, fünfziger, sechziger und siebziger Jahren ein ungeheurer Aufschwung des rein materiellen Verstandes, der rein materiellen Verstandeskultur, Platz griff. Man kann schon sagen: Wer die Entwickelung der Menschheit verfolgt und einen Blick hat für die intimeren Vorgänge im Menschenleben, der kann bemerken, daß in bezug auf Feinheit der Begriffsbildung, in bezug auf Scharfsinn, auf Kritik zum Beispiel, in keiner Zeit ein solcher Aufschwung in der Menschheit vorhanden war wie in diesen Jahrzehnten, wo man ein Anhänger des Materialismus ist. – Denn all dieses Denken, das ich charakterisiert habe, das sich auslebt in den technischen Erfindungen, das sich auslebt in der Kritik, in der Bildung scharfsinniger Begriffe, all das ist materielles Denken, ist an das Gehirn gebundenes Denken. Wenn man als Materialist die Entwickelung der Menschheit schildern will, so kann man mit gutem Gewissen sagen: Die Menschheit war niemals so gescheit wie in diesen Jahrzehnten. Gescheit war sie wirklich. Wer die Literatur verfolgt – ich meine jetzt nicht bloß die sogenannte schönwissenschaftliche Literatur – der wird schon finden, daß so fein abgezirkelte Begriffe, so kritisches Denken in der ganzen Menschheitsentwickelung nicht zutagegetreten ist wie in jener Zeit, und zwar auf allen möglichen Gebieten. Das aber, was sich entwickelt hat in den Menschenseelen, das ist nur das Spiegelbild desjenigen, was immer mit der Hoffnung auf Sieg gewisse Geister der Finsternis, auf die wir hingedeutet haben, in den geistigen Regionen in den vierziger, fünfziger, sechziger und siebziger Jahren angestrebt haben. Sie haben angestrebt, ein uraltes Erbgut der Menschheit in ihre Hände zu bekommen, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf.

Worin bestand nun dieses uralte Erbgut? Wir haben gestern darauf hingewiesen: Durch Jahrtausende hindurch haben die fortschreitenden Geister des Lichtes die Menschheit so geleitet, daß sie zum Mittel ihrer Leitung die Blutsbande benützt haben, daß sie die Menschen zusammengeführt haben in Familien, Stämmen, Nationen, Rassen, so daß sich diejenigen zusammengefunden haben, die aus ururaltem Menschheits- und Weltenkarma zusammengehörten. So daß die Menschen auch, indem sie die Blutsbande fühlten, in diesem Gefühl alte, ururalte Aufgaben der Welt hatten, die zugleich so gefasst waren, daß dasjenige, was die Erde geben konnte – und von der Erde kommen ja die Blutsbande – in das allgemeine Menschheitskarma eingefügt war. Richtet man den Blick in den dreißiger, zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts, wo die Seelen, die dann heruntergekommen sind in Menschenleiber, noch in der geistigen Welt waren, richtet man den Blick auf die geistige Welt in dieser Zeit, die dem materialistischen Zeitalter voranging, so findet man, daß diese Seelen, die da herunterkommen wollten, in sich gewisse Impulse hatten, die unter anderem auch davon herrührten, daß sie durch Jahrtausende, so oft sie auf der Erde waren, durch Blutsbande an diese Familien, an diese Stämme, an diese Nationen, an diese Rassen gebunden waren. Nach diesen Bindungen sollten sich diese Seelen dazu entschließen, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und von den vierziger Jahren an in diese oder jene Leiber einzuziehen. Denn die entsprechenden Geister des Lichtes lenken natürlich, indem sie ihre Impulse in die Seelen der Menschen hineinsenden, das Fortschreiten der Menschheitsentwickelung so, wie sie es nach den alten Blutsbanden veranlagt haben. Es waren also in den Menschenseelen, die in den geistigen Welten waren, gewisse Impulse, so oder so nach dem alten Menschheitskarma unterzutauchen in die Leiber derjenigen Menschen, die also die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, den Anfang des 20. Jahrhunderts bevölkern sollten. Es hatten also gewissermaßen die Geister des Lichtes in der Hand, diese Seelen nach ihren alten Maßnahmen zu leiten und zu lenken. Das wollten die Geister der Finsternis, von denen ich gesprochen habe, in die Hand bekommen. Sie wollten die Impulse der Geister des Lichtes aus den Seelen vertreiben, sie wollten ihre Impulse in die Menschenseelen hineinbringen. Wäre der Sieg der Geister der Finsternis 1879 geglückt, dann wäre ein ganz anderer Zusammenhang herausgekommen zwischen den Menschenleibern und den Menschenseelen, als er bei den nach 1879 Geborenen nunmehr herausgekommen ist. Die Seelen wären in andern Leibern geboren worden, und der Plan der irdischen Menschheitsordnung wäre nach dem Ideal der Geister der Finsternis ausgeführt worden. Das ist er nicht. Daß er das nicht konnte, das ist verdankt dem Sieg des Michael über den Drachen im Herbste 1879. Dieses Kämpfen, das spiegelte sich in den vierziger, fünfziger, sechziger und siebziger Jahren auf der Erde in dem, was ich geschildert habe als besonders ausgeprägter Scharfsinn, Kritik und so weiter. Ich habe Öfter darauf hingewiesen: Durch bloße Spekulation kommt man nicht hinter die Dinge, sondern nur durch wirkliche spirituelle Beobachtung. Durch Spekulation könnte niemand darauf kommen, daß just diejenigen Eigenschaften, die ich von dem materiellen Verstande erwähnt habe, hier auf der Erde das Spiegelbild sind eines Kampfes in den geistigen Welten um die Fortpflanzung, um die Generationenfolge. Diese Dinge müssen eben beobachtet werden, denn wenn man glaubt, man könne mit dem materiellen Verstande selber die richtigen Zusammenhänge zwischen physischer Welt und geistiger Welt finden, so irrt man sich sehr. Da trifft man in der Regel ganz Falsches, weil man schematisch vorgeht nach äußeren logischen Regeln, die nach dem Muster der Naturwissenschaft gewonnen sind. Die gelten aber nur für die physische Welt, die gelten nicht für den Zusammenhang der physischen mit der geistigen Welt. Das war also die eine Spiegelung dieses Kampfes um das Blut. Die andere Spiegelung – ich habe auch schon öfter auf sie hingewiesen – bestand in dem Aufkommen des Spiritismus in den vierziger Jahren und dann weiter. Gewisse Kreise, und gar nicht so enge Kreise, versuchten in dieser Zeit die Zusammenhänge mit der geistigen Welt auf medialem Wege zu erforschen, also im Grunde genommen auf materielle Art. Wäre dies geglückt, wäre die Schar der Geister der Finsternis genügend stark gewesen, um 1879 den Sieg über die Anhänger des Michael zu gewinnen, dann hätte der Spiritismus eine ungeheure Ausbreitung gewonnen. Denn der Spiritismus kann nicht bloß von der Erde aus impulsiert werden, sondern er hat seine Einflüsse von der andern Welt; er wird von der andern Welt dirigiert. Man muß sich durchaus klar darüber sein, daß hier auch nicht bloß ein Entweder-Oder Geltung haben darf, das heute den Menschen so bequem ist, die sich immer sagen: Entweder erkennen wir so etwas an, oder weisen wir so etwas ab. So ist die Sache nicht, so liegt sie ganz und gar nicht. Was sich auf spiritistischem Boden abgespielt hat, das war zum Teil ein bedeutungsvolles Hereinragen der geistigen Welt, war durchaus herausfließend aus Impulsen der geistigen Welt, hatte oftmals das Intensivste mit den Schicksalen der Menschen zu tun, aber ein Spiegelbild war es jenes Kampfes, der eben in der geistigen Region verloren worden ist. Daher auch das eigentümliche Zurückgehen und Korrumpiertwerden des Spiritismus nach dem genannten Zeitpunkte. Er wäre das Mittel geworden, die Menschen auf die geistige Welt hinzuweisen, und zwar das einzige Mittel, wenn die Geister der Finsternis 1879 den Sieg erlangt hätten. Wäre dieser Sieg dazumal zustandegekommen, so lebten wir heute in einer Welt eines ganz unsagbaren Scharfsinnes, eines Scharfsinnes, der sich auf die verschiedensten Gebiete des menschlichen Lebens erstreckt hätte. Börsenspekulationen und ähnliche Dinge, die manchmal heute recht dumm gemacht werden, würden mit ungeheurem Scharfsinn gemacht werden. Das auf der einen Seite. Aber auf der andern Seite würde man in den weitesten Kreisen sein spirituelles Bedürfnis auf medialem Wege zu befriedigen suchen. Materieller Verstand also auf der einen Seite, jene auf herabgestimmtem Bewusstsein beruhende Art, sich zur geistigen Welt in ein Verhältnis zu setzen, auf der andern Seite: das war die Absicht der Geister der Finsternis. Diese Geister der Finsternis wollten vor allen Dingen eines verhindern, was bei ihrem Sturz nach dem Jahre 1879 allmählich eintreten mußte: das wirkliche Herabkommen von geistigen Erfahrungen, von geistigen Erlebnissen in die Menschenseelen hinein.

Solche geistigen Erlebnisse, wie sie verwertet werden von anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft, die wären unmöglich geworden, wenn die genannten Geister der Finsternis ihren Sieg errungen hätten. Dieses Geistesleben und Geistesweben würde oben behalten worden sein von den Geistern der Finsternis in den geistigen Regionen. Nur durch den Sturz der charakterisierten Geister ist es gekommen, daß anstelle des bloß kritischen, materiellen Verstandes und des medialen Weges die unmittelbare geistige Erfahrung hat treten können und immer mehr und mehr treten wird. Nicht umsonst habe ich in den letzten Zeiten hier erwähnt: Viel mehr, als man denkt, ist die heutige Zeit von spirituellen Einflüssen abhängig. So materialistisch unsere Zeit ist und eigentlich mehr noch sein will, als sie es ist: an viel mehr Stellen, als man denkt, offenbaren sich die geistigen Welten den Menschen. Wenn auch heute noch oftmals nicht in gutem Sinne, aber geistige Einflüsse sind überall zu spüren. Und manches, was von Menschen, die heute gegenüber spirituellen Einflüssen ein gewisses Schamgefühl haben – sie schämen sich, spirituelle Einflüsse andern gegenüber zu gestehen – manches, was von Menschen gemacht wird, diese oder jene Gründung, sie wird deshalb gemacht, weil den Menschen im Traum dies oder jenes erschienen ist, was ein wirklicher spiritueller Einfluß ist. Sie können heute Dichter fragen, warum sie Dichter geworden sind. Das ursprüngliche Erlebnis, das sie Ihnen erzählen werden, wird sein: Dieses oder jenes Spirituelle haben sie wie traumhaft erlebt, und dieses traumhafte Erlebnis hat eigentlich den Impuls zu ihrem Schaffen in sie gelegt. – Leute, die Journale gegründet haben, Sie können sie fragen, warum sie sie gegründet haben – ich erzähle Ihnen Tatsachen – sie führen Ihnen diese Journalgründungen auf Träume zurück, auf sogenannte Träume, was aber nichts anderes ist als die Übertragung gewisser spiritueller Impulse aus den geistigen Welten in die sinnliche Welt hinein. Und vieles andere auf andern Gebieten ist vorhanden, viel mehr, als man denkt, nur sagen es die Leute heute nicht, weil jeder glaubt, wenn er dem andern sagte: Ich habe dies oder jenes getan, weil mir der oder jener Geist erschienen ist im Traume – der andere nenne ihn dann einen Trottel. Das ist ja natürlich eine unangenehme Sache. Deshalb weiß man so wenig von dem, was eigentlich heute unter Menschen geschieht. Das, was so sporadisch da oder dort geschieht, das ist aber nur, ich möchte sagen, der Vortrab zu dem, was immer mehr und mehr geschehen wird: Das Spirituelle wird die Menschheit ergreifen, weil eben jener Sieg Michaels über den Drachen 1879 sich zugetragen hat. Und daß eine Geisteswissenschaft möglich ist, das ist auch nur auf diesen Umstand zurückzuführen, sonst wären die entsprechenden Wahrheiten in den geistigen Welten verblieben, könnten nicht Wohnung nehmen in menschlichen Gehirnen, wären für die physische Welt nicht vorhanden. Da haben Sie solche Bilder, die Ihnen klarmachen können, welches die Absichten waren der Geister der Finsternis in den vierziger, fünfziger, sechziger und siebziger Jahren in den geistigen Regionen bei ihrem Kampf, den sie gegen die Anhänger des Michael geführt haben. Nun sind sie seit dem Herbste 1879 hier unten, unter den Menschen. Das alles haben sie nicht erreicht, was sie angestrebt haben: Der Spiritismus wird nicht allgemeine Menschheitsüberzeugung werden; die Menschen werden nicht, vom materialistischen Standpunkte aus gesprochen, so gescheit werden, daß sie vor lauter Gescheitheit selber sich überschlagen. Die spirituellen Wahrheiten werden unter den Menschen Wurzel fassen. Aber die Geister der Finsternis sind dafür unter uns, sie sind da. Wir müssen Wache halten, damit wir merken, wo sie uns begegnen, damit wir Anschauungen darüber gewinnen, wo sie vorhanden sind. Denn das Gefährlichste in der nächsten Zukunft wird sein, sich unbewusst den Einflüssen auszuliefern, die ja doch da sind. Denn ob sie der Mensch kennt oder nicht kennt, das macht keinen Unterschied für ihre Realität.

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