Rudolf Steiner zum einfältigen Paulus

(GA 254 S. 147) 

Ich habe Ihnen ein Beispiel gegeben, wie Kräfte umgewandelt werden draußen in der großen Ordnung der Weltgeschichte. Ich habe ein Beispiel von dem gegeben, womit man es eigentlich zu tun hat draußen in der großen Umwandlung der Weltgeschichte. Ungeheuer bedeutungsvolle Sachen, wenn wir sie so betrachten, liegen vor uns, ungeheuer bedeutungsvolle Dinge stehen vor uns! 

Ich gebrauchte dieses Beispiel, weil ich Sie aufmerksam machen will darauf, daß es zuweilen in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit notwendig ist, daß Kräfte umgewandelt werden, daß Kräfte sich in einen ganz anderen Strom hineinergießen als in den Strom, in den sie sich so nach dem nächsten äußeren Anschein ergießen wollen. Dieses Beispiel hat scheinbar gar nichts zu tun mit dem, was ich eigentlich sagen will, und doch hat es alles damit zu tun. Denn wenn Sie das, was in diesem Beispiele ist, konsequent verfolgen, so werden Sie darauf kommen, warum es schwierig ist, gewisse Wahrheiten, die sich auf das, was hinter der äußeren Natur steht, beziehen, ohne weiteres der Öffentlichkeit preiszugeben. Es ist schon notwendig, eben manches so an die Menschen heranzubringen, daß es Kräfte bindet, so daß gewisse Kräfte nicht gefährlich werden können. 

Mit diesem Beispiel habe ich hingedeutet auf diejenigen Kräfte, welche sich in der Menschennatur entwickeln werden, wenn der Mensch den Schleier der Naturerscheinungen durchdringt. Aber auch dann, wenn die Menschen nicht diesen Schleier der Naturerscheinungen durchdringen, sondern darauf ausgehen, den Schleier der Seelenerlebnisse zu durchdringen, wenn sie in die Tiefen der Seele hinein wollen, auch dann liegen gewisse Gefahren vor. Und auch da will ich durch eine Erzählung Ihnen die Möglichkeit bieten, auf gewisse Dinge zu kommen, die man eben sonst nicht auseinandersetzen könnte. Ich will an eine Erzählung anknüpfen, die ja bekannt ist, von der aber gewöhnlich nicht gewußt wird, daß sie noch etwas so Tiefes zum Ausdrucke bringt. 

Zu dem Pater Antonius kam einmal ein Mann, Paulus mit Namen. Dieser Mann wollte sein Schüler werden. So wie er sich darstellte, war dieser Mann ein recht einfältiger Mensch. Aber Antonius nahm doch den einfältigen Menschen, nennen wir ihn Paulus den Einfältigen, als Schüler an und ließ ihn gewisse Arbeiten Jahre um Jahre verrichten. Ich glaube nicht, daß sehr viele von Ihnen Freude daran hätten, diese Arbeiten zu verrichten, die Antonius dem Schüler aufgetragen hat. Es mußte nämlich der Schüler Wasser tragen, aber in durchlöcherten Gefäßen, so daß, wenn er am Ziele ankam, nichts mehr darinnen war. Und das mußte der Mann Jahre um Jahre tun. Er mußte Kleider nähen, und wenn er sie genäht hatte, mußte er sie wieder aufschneiden. Er mußte Steine auf Berge hinauftragen, und wenn er sie oben hatte, mußte er sie wieder hinunterrollen lassen, damit sie wieder an ihrem ursprünglichen Orte waren. Das mußte er Jahre um Jahre tun. Die Folge davon war, daß Paulus der Einfältige eine ungeheure Vertiefung seines Gemütes durchmachte und er bemerkte, wie aus seinem Unterbewußten herauf bedeutende Seelenkräfte kamen, und wie diese Seelenkräfte nach und nach ihn zu einem weisen Menschen machten. Aus Paulus dem Einfältigen wurde Paulus der Weise. 

Ich möchte das Beispiel des Antonius, das dieser mit Paulus dem Einfältigen gemacht hat, nicht zur Nachahmung empfehlen. Aber als eine Tatsache mußte ich es erzählen. Nehmen Sie einmal an, Antonius hätte nicht diese Methode gewählt, Steine auf Berge hinauftragen und sie wieder herunterrollen zu lassen, Wasser in Gefäßen tragen zu lassen, durch welche das Wasser wieder heraussickerte, sondern er hätte es Paulus dem Einfältigen leichter gemacht. Was würde geschehen sein? Paulus der Einfältige würde eines Tages gesagt haben: Ja, Antonius, deine Lehre ist ganz gut, aber du bist eigentlich ein ganz böser Mensch. Deine Lehre muß ich jetzt nehmen und muß in die Welt mit ihr hinausgehen. Ich muß dich mit deiner eigenen Lehre bekämpfen, denn ich habe erkannt, daß du ein ganz böser Mensch bist. Und außerdem tust du mir ja gar nicht, was ich berechtigt bin zu wollen. Du hast mir versprochen, daß von einem gewissen Zeitpunkte an du erklären wirst, daß von Anfang an, als ich zu dir gekommen bin, ich nur dem Scheine nach der Einfältige war, und daß ich dazumal schon viel höher stand. Dann hast du mir versprochen zu erklären, daß deine ganze Lehre von mir inspiriert ist. – Zu solchen Dingen hätte der Schüler kommen können. Aber er ist bewahrt geblieben davor durch die Methode, die Antonius angewendet hat, die aber, wie gesagt, jetzt nicht mehr so anwendbar ist, obgleich nicht etwa behauptet werden soll, daß diese Methode bei gewissen Naturen, wenn sie angewendet würde, nicht ganz gute Früchte tragen würde. 

Aus diesen zwei Beispielen, die ich angeführt habe, können Sie, wenn Sie sie konsequent verfolgen, auf gewisse Gefahren kommen, die dem Menschen drohen, wenn er sich einläßt mit den Kräften, die hinter der äußeren Natur als geistige Kräfte der Natur stehen. Sie können aus dem Beispiel, das ich Ihnen in bezug auf Dante gegeben habe, ersehen, welchen grandiosen, welch ungeheuer bedeutungsvollen Dingen man eigentlich gegenübersteht. 

Nun, warum kommt denn die Naturwissenschaft, so können wir jetzt die Frage aufwerfen, die doch eine wirklich gute Methode hat, eine ausgezeichnete, eine glänzende Methode, warum kommt sie nicht auf gewisse Dinge, die hinter der Natur stehen? Die Frage kann sehr einfach beantwortet werden. Es fehlen der Naturwissenschaft die Kräfte dazu, die Erkenntniskräfte. Sie arbeitet nicht daran, die Erkenntniskräfte auszubilden. Nicht wahr, so wie die Dinge bei der äußeren Naturwissenschaft sind, wird einfach nicht daran gearbeitet, weil, was ich öfter erwähnt habe, man eine gewisse Furcht hat vor dem, was hinter den Naturerscheinungen steckt. 

Aber – so könnte man auf der anderen Seite fragen -, warum finden sich nicht diejenigen, welche etwas wissen über das Geistige in der Natur, dennoch bereit, in einem ausreichenderen Maße als es in der Gegenwart geschieht, die Methoden und Wege zu eröffnen, damit der Mensch die Erkenntniskräfte ausbilden kann, die ihn hinter die Natur führen, die ihn gleichsam die Schwelle überschreiten lassen, die ihn drängen zu dem, was hinter der Natur ist? 

Sehen Sie, sobald man die Schwelle überschreitet, die zu den geistigen Wesenheiten hinter der Natur führt, kommt man in Zusammenhang mit geistigen Wesen. Das sehen Sie aus all den Darstellungen, die ich in den letzten Wochen gegeben habe. Solche passive Naturerscheinungen, wie sie heute die Naturwissenschaft studiert, hat man nur in dieser physischen Welt. Sobald man die Schwelle überschreitet, kommt man in eine Welt geistiger, lebender Wesen hinein. Das Eigentümliche ist dabei, daß die Wesen, die man zuerst trifft, lauter Wesen sind, die eigentlich einen viel befähigter machen in bezug auf klares Denken und so weiter, als man vorher es war. Es ist wirklich so: Wenn ich die Summe der Naturerscheinungen, wie sie heute von der materialistischen Naturwissenschaft gebraucht werden, als einen Vorhang betrachte, auf den die Naturgesetze geschrieben sind, so liegt hinter ihm ein Quirlen von geistigen Wesenheiten. Da muß man durch als Mensch. Aber mit jenen Fähigkeiten, die man hat, um Naturwissenschaft zu studieren, kann man nicht durchstoßen durch den Vorhang. Könnte man es, so täte man es schon nach den heutigen Neigungen. Früher war das anders. Aber man kann nicht durchstoßen. 

Es gibt allerdings Menschen, welche durch eine wirkliche Interpretation von Symbolen die Leute dahin bringen könnten, durchzustoßen. Dann würden die Leute natürlich mit geistigen Wesen in Zusammenhang kommen, und zwar mit Wesen, die im eminentesten Sinne ein Interesse daran haben, den Menschen sehr scharfsinnig, sehr spitzfindig, raffiniert scharfsinnig zu machen: das sind gewisse elementarische Wesenheiten, die ihr ganzes Bestreben darein setzen, dem Menschen gewisse Erkenntnisfähigkeiten beizubringen, die ihn wirklich anders machen, als er ist, bevor er da durchstößt. Und außerdem ist der Mensch dadurch mit diesen Wesen in Zusammenhang. Nun haben aber diese Wesen noch eine ganz besondere Eigenschaft: sie machen den Menschen scharfsinnig, bringen ihm gewisse Erkenntnisfähigkeiten bei, sie sind aber keine menschenfreundlichen Wesen. Sie sind menschen- und tierfeindliche Wesen im eminentesten Sinne, so daß man, indem man da durchstößt, einbüßt an der gewöhnlichen, allgemeinen Menschen- und Tierfreundlichkeit. Ohne Einbuße an Menschen- und Tierfreundlichkeit kommt man nicht leicht durch, wenn man unvorbereitet da durchgeht. Man bekommt geradezu die Neigung, alles mögliche zu tun, was nicht menschenfreundlich ist, und man bekommt sogar eine gewisse Fertigkeit im Tun von nichtmenschenfreundlichen Dingen. 

Kurz, Sie werden daraus ersehen, daß es nicht gerade ratsam ist, so ohne weiteres die Menschen da durchstoßen zu lassen; daß es schon seine Gefahr hat, weil eben die Wesen, auf die man zunächst auftrifft, durchaus nicht menschenfreundlich sind. Nun würde aber derjenige, der auf jenem Wege durchstoßen würde, auf dem man eben durchstoßen könnte, wenn man die heutige Methode der Naturwissenschaft fortsetzte, im eminentesten Sinne mit diesen menschenfeindlichen Wesen zusammentreffen, und er würde diese, übrigens nicht nur menschenfeindlichen, sondern geradezu naturfeindlichen Wesen kennenlernen und eine ganz große Summe von Kräften, durch die man wirklich vieles zerstören kann. 

Es ist also nicht wünschenswert, diejenigen Menschen durchzulassen, welche noch die Neigung haben, diese zerstörenden Kräfte wirklich anzuwenden, denn vieles an zerstörenden Kräften würde sozusagen in die Hände geliefert werden. Sondern man muß trachten, nur solche Menschen durchzulassen, die durch ihre Zucht so weit gekommen sind, daß sie, wenn sich ihnen diese Zerstörungswesenheiten anbieten, keinen Gebrauch machen von solchen Zerstörungshilfen. Gerade in dieser Richtung wirkte die Entzifferung der Symbole außerordentlich bedeutsam. Diese Kräfte braucht man dann nämlich auf, man verbraucht die Kräfte, die jene Wesen hätten verwenden können, um die Menschen zu Zerstörern zu machen. Es war also eine Neigung, die Menschen nicht dazu gelangen zu lassen, sich den Wesen der Zerstörung zu überliefern, und diejenigen, die für das Geheimhalten eines gewissen hohen Teiles des esoterischen Wissens waren, hatten nun folgenden Gedankengang. Sie sagten: Wenn wir unser Wissen und die Art des Wissens, wie es in geheimen Orden und dergleichen da war, den Leuten so ohne weiteres zugänglich machen, so daß ihnen die Arbeit des Selbstdurchdringens der Symbole erspart bleibt, dann machen wir diese Menschen zu Empörern gegenüber der Natur, dann machen wir sie zu Trägern von zerstörenden Kräften. Das war die Tendenz. Sie sagten: Wir haben ein Wissen, das unweigerlich das bewirken würde, also können wir dieses Wissen nicht exoterisch machen. Wir müssen streng auf dem Boden stehen, daß wir die Menschen, die man heranbringt, zuerst zur absolutesten Menschenliebe erziehen, zur absolutesten Pflanzen-, Tier- und Menschenliebe; daß wir sie also zuerst einer sorgfältigen Zucht unterwerfen. 

Nun aber, diese Zucht lassen sich die Menschen von heute nicht gefallen. Sie lassen sie sich einfach nicht gefallen, sie wehren sich dagegen. Die Menschheit ist vorwärtsgeschritten. Was tut sie dann? Nehmen wir einmal an, diese Zucht sollte ausgeübt werden, man würde die Menschen in die betreffenden Orden tun und würde schon dasjenige, was den meisten geradezu vorgeschrieben werden muß, ganz ernst nehmen! Was wäre die Folge? Nun, insbesondere die Frauen würden in drei Monaten vollständig davongelaufen sein. Sie würden es sich ganz und gar nicht gefallen lassen. Gewisse Orden haben daher, um bestehen zu können, darauf verzichtet, diese Zucht auszuüben. Daher ist dasjenige, was einmal tiefes Wissen war, ausgeartet in bloßes Stroh, was gar nichts enthält. Auf der anderen Seite aber bestand die Neigung fort bei jenen, die wirklich etwas wußten, die Sache geheimzuhalten. 

Sie sehen, die Sache ergänzt sich mit dem, was ich gesagt habe: daß, als die Hochflut des Materialismus kam, man die Methode des Mediumismus wählte. Man dachte, das, was der Mensch sonst gehabt hätte von der theoretischen Erklärung der Symbole, das würde man ja sehen bei der Methode des Mediumismus. 

Aus alledem werden Sie begreifen, daß es für diejenigen, die auf diesem Gebiete etwas wissen, schon gewisse Gründe gibt, nicht so einfach den Schleier der Naturgeheimnisse durchdringen zu lassen. Daraus wird sich Ihnen aber etwas ganz Bestimmtes ergeben. Daraus wird sich Ihnen ergeben, daß unsere geistige Bewegung nicht darin bestehen kann, etwa irgendwelche Ordensgeheimnisse zu nehmen, so wie sie aufbewahrt waren, und sie exoterisch zu machen. Würde man einfach das tun, was ja darin bestehen würde, daß ich irgendwelche alten Ordensgeheimnisse nehmen würde und sie vor der Öffentlichkeit – so wie wir lehren müssen – lehrte, dann würden wir mit diesen Ordensgeheimnissen allerlei kuriose Dinge von Magie und so weiter aufnehmen, die nichts Gutes stiften würden. Das bedeutet also nichts anderes, als daß ausgeschlossen ist in unserer Bewegung ein Heraustragen von irgendwelchen alten Ordensgeheimnissen. Wir können nicht alte Ordensgeheimnisse zur Enträtselung der Geheimnisse der Natur verwenden. Morgen werde ich Ihnen zeigen, daß wir auch nicht so einfach religiöse Wahrheiten nehmen können, weil dadurch wieder eine andere Gefahr heraufbeschworen würde. So daß sich uns ergeben wird, warum wir weder das eine noch das andere konnten, warum wir einen besonderen Weg einschlagen mußten. Und gerade dieser besondere Weg bringt uns nun auch die Gegnerschaft von beiden Seiten her, von der Naturwissenschaft und der Religion. Das werde ich morgen ausführen.

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